Rüstzeug Hamlet

“DIE HAMLETMASCHINE”, Christina Tscharyiski, Burgtheater Wien – Vestibül.
14.11.2015
Von Clara Gallistl


  • Ich bin im Kunsthistorischen Museum am Burgring. So sieht das hier aus. Schön. Eine elegante, dunkelgrüne Wand, an der das Objekt fehlt. Nur die Beschreibung des Kunstwerks ist vorhanden. Davor eine Absperrkordel, auch elegant. Daneben ein Sockel, auf dem eine bronzefarbene Rüstung liegt, also der Schulterteil davon. Ein Schulterpanzer.
  • Ignaz Kirchner steht auf und haut alles um. Ich hab mich geschreckt, muss lachen. Der Kirchner. Dieses gebildete, frei gespielte Kind im alten Mann. Er zeigt Europa den Mittelfinger. Leider sehe ich ihn schlecht, wenn er auf der Bühne sitzt. Ich sitze in der fünften Reihe, die Bühne ist nicht erhöht.
  • Jaja, der Kirchner kann mir alles erzählen. Ich lächle in mich hinein. Er ist in jedem Satz, jeder Bewegung, in jedem Moment seines Spiels so anwesend, dass es mich hineinzieht in seine Performance. Ich sitz dann nicht mehr im Publikum. Ich bin dann nicht mehr eine Person, die zuschaut. Ich bin dann nur mehr Schauen und die Wahrnehmung, die ich hab von dem, was ich seh.

In der Aura des Kunstwerks aufgehen. Das ist es.

  • Die Zweisprachigkeit (Englisch und Deutsch) ist schön. Da wird der Text gleich mehrschichtig. Die Ebene der Übersetzung offenbart sich als Interpretation, als Übertragung des ‘Originals’ (besser: der früheren Fassung). Die kulturelle Migration eines Textes, eines Stoffes wird sichtbar. Ich mag das.
  • Kirchner trägt als Geist einfach ein rotes Tuch über dem Gesicht und unterm schwarzen Hut. Das gefällt mir: schön, neu und einfach.
    Christoph Radakovits hat nach Kirchner ein schweres Spiel.

Ganz spannend könnte das wirken: Der alte Burg-Doyen neben dem Jungschauspieler.

  • Aber Radakovits tut leider das, was bemühte Jungschauspieler_innen häufig nicht lassen können: Die überflüssigen Bewegungen passen nicht zu seinem Spiel. Sie haben sich eingeschlichen. So sieht das aus. Das sind bei Radakovits ein horizontales Wackeln um die Hüften. Bei Marie-Luise Stockinger ein unwillkürliches Wippen des Kopfes. Schade ist das. Denn so wirkt das Spiel der Jungen neben dem eingesessenen Burgschauspieler, dem man die Beherrschung der Bühne ansieht, unauthentisch.

Bedeutung generiert sich nicht automatisch durch gedrücktes Spiel.

  • Wieso hat die Regisseurin das nicht gesehen? Wieso hat man Radakovits da nicht unterstützen können? Manchmal wirkt es, als wisse er gar nicht, was er gerade sagt.
  • Während Kirchner den Abend dominiert, liegt die Stärke von Radakovits und Stockinger in den schnellen Paarszenen, die durch viel Bewegungstheater schöne Bilder und Bewegungen erzeugen.

Liebe Sarah Sassen, ich möchte mich für diese Bühne bedanken! Die ist so schön, dass ich gern darin wohnen will.

  • Die Farben der Bühne mit den Requisiten und dem Kostüm bilden einen Farbenkosmos, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird und eine eigenständige Ästhetik erzeugt, in der Müllers Text ebenso wie sein Hauptbezugspunkt („Hamlet“ von Shakespeare) angemessen historisiert wird.
  • Lustig: Kirchner souffliert Radakovits auf der Bühne, erinnert ihn an seinen Auftritt, spricht Regieanweisungen. Das Publikum kichert. Sowas mag man: Den vermeintlichen Blick hinter die Kulissen der Zaubermaschine Theater. Ich mag das auch und kichere mit.
    Stockinger spielt die Puppe so arg, dass wir länger überlegen, ob es eine Puppe oder eine Schauspielerin ist.
  • Arg: Hamlet bestraft seine Mutter mittels Vergewaltigung. Vergewaltigungen so kurz einzustreuen in die Inszenierung finde ich problematisch (wie ich schon in meiner Kritik zu „Punk&Politik“ gezeigt hab). Hier ist die Vergewaltigung aber in erster Linie nicht als Metapher anzitiert, sondern eine Phantasie in Hamlets Kopf, die man easy psychoanalytisch auslegen kann.

Trotzdem steht mir das Bild, in dem Kirchner seine Hose auszieht, Stockinger den Rock hochschiebt und sie zwingt, sich auf ihn zu setzen, zu arg im Raum, um eine Minute später in der Inszenierung weiterzumachen und nicht mehr darauf zu referieren.

  • “Das Europa der Frau” sagt Stockeringer dann als puppenhafte Ophelia. Ich frag mich, was das heißt. An ungleiche Löhne und care gap muss ich denken, aber Ophelia ist vom alten Hamlet Kirchner gerade lieblos und ohne Konsens gefickt worden. Als Metapher für die Stellung der Frau in Europa ist das ein bisschen platt und fragwürdig.
  • Im rosa Kleid bringt die rothaarige Stockinger einen dunkelbraunen, überlebensgroßen Stierkopf auf die Bühne: Wunderschön, dieses Bild.
  • “Gestern hab ich aufgehört, mich zu töten” beginnt Ophelia eine Emanzipationserzählung, in der viele Sätze sehr schön sind und sich auf Motivationsbildchen auf Facebook verbreiten sollten. Man sollte wirklich aufhören, sich selbst zu töten, denk ich. Als Bild für die vielen Dinge, die man im Leben tut, die einen eigentlich einschränken, aber man macht sie halt trotzdem.
  • “Gestern hab ich aufgehört, mich zu töten” wünscht man sich als Zusatz in jeder Inszenierung des Shakespeare’schen Hamlet. Als Nebenszenen-Hypertext für Ophelia.
  • Ophelia sucht Hamlet hitzig überzeichnet wie in einem Film aus den 1920ern. Witzig ist das. Und Stockinger macht das sehr gut.
  • Kirchner sagt “Ich bin nicht Hamlet” und zeigt seinen Personalausweis ins Publikum. Das find ich sympathisch. Das Publikum lacht verliebt.
  • Erst lustig, dann ernst: Radakovits hat sorgsam ein kleines Kunstobjekt ausgepackt und auf den Sockel gelegt. Kirchner geht hin, haut es zusammen, dass es zersplittert, und sagt lapidar “Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt”. Das ist der Müller, den ich liebe.

Gebildet, assoziativ, grantig. Wortkunst alter Männer, die auf ihre akademische Weise Punks geblieben sind.

  • Jetzt legt Kirchner los. Sein Text um Steine, Panzerglas, Sturz der Regierung (Ganztext hier) wirkt schmerzhaft aktuell. Ich muss an die Anschläge in Paris, in Beirut, in Nigeria und in der Türkei denken. An die Straßenkämpfe in den Vororten Frankreichs und Englands. An die steigende Gewaltbereitschaft in der ganzen Welt. Das ist ein Gedicht, das assoziiert und zu Assoziationen einlädt.
  • “Das Drama hat nicht stattgefunden” heißt es und ich empfinde den Text als theaterhistorisch relevant, obwohl ich den Text (noch) nicht kenne. Etwas Großes passiert in dem Text. Er erinnert mich an Botho Strauß und an manches von Handke. Weiße, männliche Akademiker-Punks im bürgerlichen Outfit.
  • Jetzt zieht sich Kirchner aus, legt den Inhalt seiner Hosentaschen weg und sagt “Ich geh nachhause”. Das Publikum lacht. Kirchner lacht, äfft das Lachen nach, wird wütend und schreit das Publikum zusammen. Wie gut ich das finde, weiß ich nicht. Ich schrecke mich, aber mag den Bruch, aber finde es unsympathisch, aber mag den Bruch, dass der Publikumsliebling Kirchner mir plötzlich unsympathisch ist.

Intelligent inszeniert finde ich diesen scharfen Riss in der Publikumslenkung.

  • “Wie schreibt man Gemütlichkeit?” sagt Kirchner und schreibt EKEL an die Wand.
  • Radakovits spielt wieder gegen Kirchner an. Es tut fast weh, das zu sehen. Da ist kein Spaß im Spiel der beiden miteinander. Wie Spaß im gemeinsamen Spiel aussieht, habe ich in „Cactus Land“ (Kritik folgt) gesehen. David gegen Goliath ist das und ich hab das Gefühl, Radakovits hat die Bühne bekommen, bevor er sie wollte.
  • Der Text ist so aktuell. Da gehen sich so aktuelle Assoziationen aus!
    “Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn. […] Ich will eine Maschine sein.”
  • Es tut mir so leid, dass ich die untere Hälfte der Bühne nicht sehen kann. Wenn Kirchner sitzt oder Radakovits liegt, sehe ich sie nicht. Das nimmt meine Konzentration. Irgendwann habe ich keine Lust mehr, ständig meinen Kopf zu recken und mich mit meiner Sitzposition zu beschäftigen. Ich akzeptiere, dass ich nicht alles sehen kann, habe aber auch nicht das gesamte Erlebnis des Abends. Schade.
  • Kirchner geht so souverän mit der Aufmerksamkeit des Publikums um.
  • Kirchner beginnt die Bühne aufzuräumen und auf Stückanfang einzurichten. Fragend sitz ich im Publikum und weiß nicht, was jetzt tun in meiner Zuschauerinnenrolle. Weiter zusehen? Ist das noch was, das ich anschauen soll/darf/muss? Gehört das noch dazu? Ein neuer Gedanke spinnt sich in meinem Bewusstsein:

Spannend, diese Grenze des “Gehört-das-noch-dazu?” von performativer Kunst.

  • Aber da kommt Kirchner mit neuen Requisiten. Es geht also weiter.
    Die ertrinkende, im Wasser treibende Ophelia in einem Glaskasten ist nass und sehr schön. Sie spricht als Elektra. Ein großer Moment. Das Bild ist gut erfunden.
  • “Im Namen der Opfer” spricht sie. Uh, uh, denk ich mir. Das hab ich auch noch nie gedacht: Im Namen der Opfer zu sprechen geht in antiken Tragödien ganz normal. Nach Spivak aber eigentlich gar nicht mehr. Können die Opfer denn nicht sprechen?, denk ich jetzt so halb polemisch. Wieso habe ich im Theater diesen Diskurs noch nie thematisiert gesehen? Thematisiert eigentlich “Die Schutzbefohlenen” von Jelinek das Sprechen “im Namen der Opfer”? DIE HAMLETMASCHINE im Vestibül des Burgtheaters ist ein Essay auf die zentraleuropäische Kultur am Beginn der Postmoderne. Das ist für 2015 schon etwas veraltet, aber Müllers Text ist groß und Sarah Sassen hat ihm eine Bühne gebaut, in der er sehr schön anzusehen ist. Christina Tscharyiski werde ich weiter verfolgen. Das war schon sehr schön, was man an diesem kurzen Abend hier im kleinen Raum gesehen hat.
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