WIR, WÄCHTER DES SCHUTZRAUMS

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Gemeinsam mit Max Brustbauer (Aufgrund unseres ersten persönlichen Kontakts 2009 vor dem besetzten Audimax, der aus Gründen eines publizistischen Faustkampfes stattfand, überlegen wir derzeit noch, ob wir unser Duo „Üble Nachrede“ oder „Gegendarstellung“ nennen) arbeite ich an einem Sprechstück mit szenischen Sequenzen, das die Un-/Möglichkeit und De-/Kon/struktion menschlicher Schutzräume untersucht.

Erster Impuls für das Projekt war die Ausschreibung des Theaters in der Drachengasse, das jährlich Einreichungen für einen Nachwuchswettbewerb im Bereich Theater/Performance sucht. Gleichzeitig haben wir unser Projekt auch bei den Perspektiven Attersee für den Kunstimpuls eingereicht, weil die Perspektiven so super und der Attersee so schön ist.

Als literarisch-performativer Essay untersucht “Wir, Wächter des Schutzraums” die menschlichen Grundbedürfnisse nach Privatheit, Sicherheit und individueller Entfaltung. Besonderer Bezug wird dabei auf die Verschränkung digitaler und analoger kultureller Praxen genommen. Vier Wächter_innen übernehmen die auditive Ästhetik der postdramatischen Vielstimme und damit eine diffuse Erzählposition, die unerkannt im Hintergrund bleibt. In vier Anläufen (szenische Sequenzen) versucht das Ich (Ivana Nikolic) in soziale Schutzräume zu flüchten (Freundschaft, Erinnerung an die Kindheit, Beziehung, Internet, eigenes Bewusstsein). Gemeinsam mit dem Ich wird auch das Publikum von der unzuverlässigen, körperlosen Vielstimme umgeben und so als schweigende und deshalb zustimmende Gesellschaft benutzt. Das Publikum unterstützt so letztlich das Bestreben der spielerisch-zerstörerischen Vielstimme, jeden sozialen Schutzraum des Ichs in ein psychisches Gefängnis zu transformieren. Was bleibt, ist die ausformulierte Frage nach unseren eigenen sozialen Schutzräumen, nach ihren Konstitutionen, Bedingungen und Grenzen.

“Da! Ist es passiert: an die Grenze des Schutzraums Freundschaft gestoßen. Mit einem falschen Wort. Einer vielleicht richtigen Meinung, (ICH WEISS ES NICHT!) falsch ausgesprochen. Nicht den Codes gehorcht. Ach, du. Da war er dir genommen der Schutzraum im Kreise der Freundschaft.”

„Wir, Wächter des Schutzraums“ balanciert auf der Grenze zwischen befreiendem und einschränkendem Schutzraum und thematisiert damit die konstruktive Dogmatik sozialer Sicherheit. In vier Anläufen (szenische Sequenzen) versucht das Ich in die ihm zur Verfügung stehenden sozialen Schutzräume zu flüchten (Freundschaft, Erinnerung an die Kindheit, Beziehung, Internet, eigenes Bewusstsein). Doch die Nähe zwischen Befreiung und Einschränkung wird in jedem Versuch transparent. Ein vielstimmiger Chor aus Wächter_innen kommentiert das Geschehen, bewertet, stellt Regeln auf und verwirft sie wieder. Die Vielstimme als unzuverlässiger, körperloser Gegenspieler zum um Freiheit und Ruhe flehenden Ich.

“Schließt die Augen nun! Schließt die Augen nun, ihr! (Habt keine Angst, was zu verpassen.) Hier in eurem Schutzraum, dem Theater. Ihr! Hier. Schön, nicht? Unter sich ist man. Unter euch seid ihr! Geliebtes, schon seit Jahren wertgeschätztes Publikum!”

Gemeinsam mit dem Ich wird auch das Publikum von den Wächter_innen umgeben. Zuerst gemeinsam beobachtend, beschreiben die vier Stimmen aus den Ecken des Theaterraumes grundmenschliche Bedürfnisse nach Privatheit und Schutz, weisen das Publikum zu Handlungen in ihrem täglichen Leben und zur kurzen Meditation während der Vorstellung an. Das Publikum wird so bei jeder Szene als schweigende und deshalb zustimmende Gesellschaft benutzt, um das Ich in seiner Einsamkeit immer wieder neuen Regeln gegenüberzustellen. Das Publikum wird so zum passiven Akteur und unterstützt letztlich das Bestreben der spielerisch-zerstörerischen Vielstimme, jeden Schutzraum des Ichs in ein soziales/psychisches Gefängnis zu transformieren.

“Ganz ehrlich, wenn dir dieser Schutzraum zu eng ist, dann such dir doch einen, der privater ist! Was weiß denn ich schon, wo du dich sicher fühlst? Schau doch, wo du bleibst! Oder nein! Nein, warte!”

Als Sprechstück mit szenischen Sequenzen untersucht “Wir, Wächter des Schutzraums” nicht nur die menschlichen Bedürfnisse nach Privatheit, Sicherheit und individueller Entfaltung einerseits und gesellschaftliche Praxen der Identitätsentwicklung (Fremd- und Selbstzuschreibung) andererseits, wobei besonderer Bezug auf die Verschränkung digitaler und analoger kultureller Praxen genommen wird. Spannend ist vor allem die auditive Ästhetik der postdramatischen Vielstimme, die unerkannt aus dem Hintergrund eine diffuse Erzählposition übernimmt, in der sie soziale „Schutzräume“ als grundlegend dogmatische Vorstellung einer als a priori wahrgenommenen Ethik dekonstruiert.

Team:

Text + Regie:

Clara Gallistl (*1988, Linz) Startstipendiatin des BKA, Regie und Text Stubenspiel KOLOMAN (paraflows festival 2015, 6 Vorstellungen), Regie WELTSTERZ (komm.st festival 2015, 4 Vorstellungen), Teilnahme am Rahmenprogramm des Newcomer Awards Drachengasse 2014, Dramaturgie- und Regieassistenzen am Burgtheater und Film/Fernsehen, Studium Germanistik (Abschluss Mag.a 2013).

Maximilian Brustbauer (*1986, Wien) freier Journalist, Dokumentarist, Lehrer. Publikationen in: Die Presse, Wiener Zeitung, die tageszeitung, Fleisch, Quer-Magazin, stadtform, Wiener Vielfalt. Lesungen eigener Texte in unregelmäßigen Abständen. Konzeption Musikvideos (u.a. A life, a song, a cigarette – Ginger), seit 2012 Produzent der Episodenreportagen „querstadt“. Studium Germanistik, Geschichte, Publizistik (Abschluss Mag. 2012)

Ausstattung:

Madeleine Nostitz (*1989, Timbuktu MAL) Kunstuniversität Linz, Modeschule Hetzendorf (Abschluss B.A. 2011), Erfahrung Kostüm: Egdar Honetschläger (Film), Salzburger Festspiele u.a.

Johanna Diwold (*1988, Linz) Kunstuniversität Linz, Modeschule Hetzendorf (Abschluss B.A. 2012), Erfahung Ausstattung: Schauspielhaus Wien, Grazer Oper, Tanzquartier u.a.

Schauspiel:

Ivana Nikolic (*1989, Bor SER) Anton Bruckner Universität Linz (Abschluss B.A. 2014), Erfahrung Theater: Werk X, Landestheater Linz, Landestheater Innsbuck, Wiener Festwochen, u.a.

Sonja Grenz (*1988, Ludwigshafen D) First Film Academy Wien (Abschluss Dipl. 2010), Erfahrung Theater: Rampenlicht-Theater Wien, Schubert Theater Wien, English Theatre Wien, Schauspielhaus Wien, u.a.

Lisa Furtner (*1989, Linz) Schauspielschule Krauss, Erfahrungen 2015: Stubenspiel KOLOMAN (Burgvogtin) und PIPPI LANGSTRUMPF, Kabarett Niedermair.

Florian Wischenbart (*1994, RO) Schauspielschule Krauss, Performing Academy Austria, Erfahrung Bühne: Wiener Volksoper, Alte Oper Frankfurt, Dschungel Wien, Rote Bar Volkstheater Wien, Wiener Ateliertheater, u.a.

Benjamin Turecek (*1985, Wien) Schauspielakademie Elfriede Ott (Abschluss Dipl. 2010), Stimmausbildung bei Claus Ofzarek, sieben eigene Kabarettprogramme seit 2005, Erfahrung Theater: Gloria Theater, Winnetou Spiele Gföhl, Sommerspiele Schwechat, u.a.


Abbildung: Pressefoto „Wir, Wächter des Schutzraums“ von David Rabeder, Lizenz CC BY-ND .

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