Protokolle der Wut

DIE PROTOKOLLE VON TOULOUSE. Valentin Werner. Werk X – Eldorado, Wien.
 
27.11.2015
Von Clara Gallistl
 

Holzbarrikaden und ein schwarz gekleideter Mann. Laute Schüsse von hinten. Sie erschrecken mich nur kurz, weil ich gar nicht darauf vorbereitet war. Ich bin angespannt aufgrund des anhaltenden Schießens.

Vor den Barrikaden betet der Mann (Mohammed) nach islamischem Ritus. Ist er drinnen oder draußen? Hinter der Barrikade erscheint eine Person mit schwarzer Sturmhaube und Gewehr.

Ist er Terrorist oder Polizist?

Ich bin erleichtert, weil die Schüsse und die Präsenz des Gewehrs jetzt vorbei sind und ich mir endlich die Person, den Menschen vor mir und vor den Barrikaden (schön! von Sarah Sassen #sarahsassenfangirl) ansehen kann.

Wie er “Allah” ausspricht. So glottal. Da krieg ich Gänsehaut. Es ist keine oarge Gänsehaut. Nicht unbedingt. Diese physische Reaktion hatte ich auch bei einem Kunstwerk in der Political Populism-Ausstellung in der Kunsthalle Wien und wenn Zabi, ein Freund aus Afghanistan, mit mir in Dari spricht. Es ist so ein körperverbundenes Sprechen, oder wie soll man da sagen?

Wieso sprechen/spielen die beiden so statisch? Ich dreh mich kurz um, mit der Vermutung, dass hinter mir ein Teleprompter hängt, von dem abgelesen wird. Obwohl es Polizeiprotokolle sind, die gesprochen werden, habe ich den Eindruck, der Text ist unauthentisch.

Der Polizist nennt die Radikalisierung des Attentäters wertneutral “intellektuellen Werdegang”. Find ich gut. Im Anliegen, etwas verstehen zu wollen, wertneutral an eine Sache herangehen.

Warum wird das Sprechen mit Mikrophonen technisch gestützt? Will man Distanzierung zeigen? Auf die Migration von Gesprochenem hinweisen? Dass hier nicht über Mensch – Text – Mensch gesprochen wird, sondern die Maschine zwischengeschaltet ist.

“Ich verstehe, dass du reden willst. Du bist ja ganz allein”, sagt der Polizist.

“Ich bin nicht irgendwer. Ich bin bei Al-Quaida”, sagt der Attentäter.
Zwei Männer auf der Bühne. Der besondere Nachrichtenwert in den Berichten um die Pariser Attentate, dass eine_r der Attentäter_innen eine Frau war. Ist der “islamistische” Terrorismus männlich? Die Frage stellen, obwohl es die naheliegende Antwort mit den 72 Jungfrauen gibt und man in zynischer Abwertung Freud zitieren und die Sache so als abgehackt liegen lassen könnte.

Der Attentäter spielt sehr fixiert nach oben. Seine Bewegungen sind unsicher. Ich habe den Eindruck, er weiß nicht, was er mit seinen Händen machen soll.

Man zeigt den Terroristen und nicht den Polizisten. Der Polizist geht hinten auf und ab, aber man sieht nicht, was er macht. Im Lauf des Stückes wird gewechselt. Die Barrikade wird durchlässig. Die Spielseiten wechseln sich ab.

(#sarahsassenfangirl)

Die Jacke Mohammeds ist innen blitzblau. Wenn er den Arm in einer Bewegung hebt, blitzt das Blau heraus. Jedes Mal freu ich mich, wenn ich den Blick erhasche. Schön ist das.

Wie war das eigentlich mit dem protestantischen Terrorismus im 16. und 17. Jahrhundert? Da sind auch plötzlich Nachbar_innen gegen Nachbar_innen gezogen (Bsp. Irland 1641) wie in Afghanistan zum Beispiel auch. Sind da auch Leute emigriert? Wohin? Oder haben sie in der inneren Immigration weitergelebt? Oder darf man das gar nicht in Verbindung setzen?

Jetzt wird’s spannend: Das “westliche” Wertesystem mit all seinen epistemologischen Strategien wird infrage gestellt. Wie wird Wissen produziert? Welche Wissensinstanzen haben gesellschaftliche Autorität? Konfrontation mit alternativer Wissenskultur.

Das ist spannend, nur passiert es hier leider nicht gewaltfrei.

Gewaltfreiheit. Ein Grundsatz, auf den “wir” in Europa uns nach 1945 verständigt haben.

Ich empfinde Hilflosigkeit, während ich erfahre, wie die gewaltpropagierenden Dogmen der Al-Quaida-Männer im Denken des perspektivenlosen, einsamen Mohammed auf fruchtbaren Boden fallen. Gleichzeitig überlege ich, ob das herablassend ist, dass ich Mitleid mit ihm habe. Deshalb habe ich mich jetzt im Schreiben für Hilflosigkeit statt Mitleid entschieden. Mitleid ist auch kein Gefühl, sondern eine Tätigkeitsbeschreibung, eine Situationsinterpretation(?). Ich habe ein Bedürfnis, helfen zu wollen, mich als Kommunikatorin zwischen Mohammed und die Al-Quaida zu schalten.

Der Kapitalismus, die kaputte Demokratie, die ausdifferenzierte Gesellschaft.

Die religiösen Werte sind nach ihrem Verlust nicht mit starken nicht-religiösen, gesellschaftlichen Werten ersetzt worden, sondern nur mit schwachen Werterichtungen, die ständig wieder vom kapitalistischen Wettbewerb infrage gestellt werden und sich so immer weiter schwächen.

Ich bewundere die intellektuelle Leistung Mohammeds. Das klingt alles logisch und durchdacht. Auch der Polizist hat Respekt vor Mohammeds Intelligenz und seiner kommunikativen Festigkeit.

Projektmanagement, Gewalteinsatz, Ideologie. Das sind Fähigkeiten, die Mohammed im Training bei den Taliban in Pakistan gelernt hat. Er argumentiert mit der Qualität der Organisation.

Das hört sich grad alles ein bisschen wie eine Karrierestory an, die mit einem Praktikum im Silicon Valley beginnt.

Der Polizist macht einen Scherz. Der Attentäter lacht. “Ein bisschen lachen, das entspannt, ha?”, sagt der Polizist. Der Attentäter kann ihm nicht zustimmen, nickt aber halb lächelnd.

Mohammed sagt: “Das habe ich kategorisch immer abgelehnt.” Ich kann seinen Soziolekt nicht einordnen. Aus seiner Sprache kann ich wenig über seine Bildung vermuten. Obwohl er über sich spricht, bleibt er eigenartig undefiniert für mich.

Er erzählt von seinen Morden. “Alluh Akbar” und Schuss. “Alluh Akbar” und Schuss. “Alluh Akbar” und Schuss. Schreien die das eigentlich immer? Gehört das zur Ausführung?

Dass sich “Allah” und “Voila” so ähnlich anhören, ist witzig. Ich weiß grad echt nicht, was er gesagt hat.

Es herrscht eine Intimität wie zwischen Geschwistern.
Mohammed sagt, er habe sich nach jedem Mord leichter gefühlt. Sein Selbstbewusstsein ist gestiegen. Jetzt ist er stolz auf sich und hat ein ruhiges Herz. Ich bin einen Moment lang eifersüchtig auf seine Ruhe. Ich wünsche mir auch Stolz und ein ruhiges Herz.

Mohammed hat die ganze Bühnenlänge Platz zu spielen. Vom Gefühl her hätte ich das irgendwie enger inszeniert. Andererseits: Der Attentäter ist ausgeschlossen/eingeschlossen, kann sich dort aber frei bewegen.

Sie bauen die Barrikaden auf und ab.

Mohammed hat sehr viel technisches, militärisches und politisches Wissen. Mich beeindruckt das irgendwie. Als heterosexuelle Frau, meine ich. Ich finde das sexy. Methodisch ist er halt sehr eingeschränkt. Das ist nicht so sexy. “Bei uns” wird ja seit der Postmodere Methodenvielfalt gepredigt.

Ich bin kurz vom Licht geblendet, da haben die beiden die Seiten gewechselt.

In der Haft wurde ihm der Glaube immer wichtiger. Er hat in Frankreich keine “Gleichgesinnten” gefunden. Also ist er nach Afghanistan.

Der Attentäter erzählt dem Polizisten, dass er verheiratet war. Für den Polizisten eine Neuigkeit und damit für das Publikum ein Witz über die Qualität des Geheimdienstes.

Der Terrorist und der Polizist beten gleichzeitig nach islamischem Ritus. Das ist ein starkes Bild. Betende Menschen, nicht theatral ausgestellt, sondern ganz privat für sich einem sich täglich mehrmals wiederholenden Ritus folgend. Ganz intim löst das Bild Glaube von Handlungen im Sinne des Glaubens ab.

Gedimmtes Licht, das Geräusch von leisen Tropfen, arabische Gesänge. Schöne Stimmung.

Hassan schaut aus, als ob er bei Wanda wäre. Mah, wenn Wanda die politische Awareness dieser Produktion hätten …

Mutig ist die Produktion schon. Da müssen in der Produktion so viele Diskurse, Perspektiven und Fragen aufgeworfen worden sein. Das war sicher ein großes Diskutieren.

Das gegenseitige Vertrauenmüssen ist so arg. Der Polizist und der Umstellte. Bewaffnung macht Vertrauen so viel schwieriger. Da wird’s auch für so manche_n Pazifist_in schwer, Gewaltfreiheit zu argumentieren.

Techno-Musik. Natürlich. Schade. Das ist ein Klischee. Bei harten, politischen Themen. Bei Krisen des Kapitalismus. Bei Radikalismus. Warum eigentlich? Für mich ist Techno entspannend und befreiend. Das unterstreicht für mich nicht den argen Zustand der Welt, sondern hebt mich meditativ vom Narrativ ab und macht (wenn er schön ist) glücklich. Dann kehre ich nach der Einspielung entspannt und ausgeglichen in die Szene zurück und spüre, dass ich angespannt sein sollte, damit die Szene funktioniert.

Der Polizist tanzt mit geschlossenen Augen und der Terrorist (jetzt stehen beide vor den Barrikaden) sieht ihm unsicher tanzend beim Tanzen zu. Das ist ein sensibel inszenierter, schöner, kleiner Moment.

Mohammed erzählt, dass er irgendwann einfach den Mut gefunden hat. Ich denke mir, man müsste ihm andere Quellen zur Verfügung stellen, aus denen er Mut schöpfen kann. In Österreich gibt’s das ja auch. Das Zentrum für Lebenskrisen zum Beispiel, wo man einfach anrufen kann, wenn man das Gefühl hat, alles passt irgendwie nicht, und kostenlose Beratungsgespräche und dann folgend psychologische Begleitung ausmachen kann. Aber hingehen müsste man halt und anrufen und dem Zentrum vertrauen.

Beide stehen nebeneinander und spielen miteinander, obwohl sie sich eigentlich gar nicht sehen. Da zuzusehen bereitet mir Freude. Das ist schön.

Sassen hat den beiden eine Bühne zum Kaputtmachen gegeben.

Das muss Spaß machen, als Schauspieler_in. Wenn man so richtig umfuhrwerken kann.

Plötzlich geht es dem Terroristen um die Legitimität seines Handelns.
Es ist schön zu sehen, wie fertig Mohammed schon ist. Weiße Stirn, rote Wangen, müde Augen.

Lichtwechsel lockern den 90minütigen Dialog auf. Dramaturgisch verstehe ich die Zeitpunkte der Lichtwechsel allerdings nicht. Stört aber auch nicht.

Mohammed steht plötzlich hinter den Barrikaden auf einer Bühne, sodass nur sein Oberkörper, eingerahmt von zwei höheren Barrikadenteilen, sichtbar ist. Das ist die Enge, nach der ich mich vorher gesehnt hab.
Wieso jetzt wieder technische Unterstützung des Sprechens?

“Ich mag das Leben in dieser Welt nicht”, sagt Mohammed am Ende des Textes. “Ich habe Sehnsucht nach dem Paradies.”

Kurz stehen mir die Tränen in den Augen. Ich kann ihn verstehen.

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