Grüner Kakadu: What are you doin‘?

Der grüne Kakadu – Schauspielhaus Wien, Text: Arthur Schnitzler/Bernhard Studlar. Regie: Lucia Bihler.
2. Februar 2016
0. Kurzfassung

Artur Schnitzlers Stück „Der grüne Kakadu“ (UA: 1899, Burgtheater Wien) thematisiert die und spielt an der Schwelle von Wahrheit und Lüge, Realität und Schauspiel und ist an einem der wesentlichsten Umbrüche der Europäischen Geschichte angesiedelt. „What are you doing?“ muss man als Zuseherin die Bühnenfiguren fragen, und zwar alle: sich brutal anbiedernde Etablissementbetreiber_innen, Liebhaber_innen und den niedergehenden Adel, blind vor Lust. Doch habe ich mich an einigen Stellen, vor allem in der ersten halben Stunde, auch häufig gefragt, was das für eine Produktion ist, die ich auf der Bühne des Schauspielhauses sehe. Dem Publikum scheint es gefallen zu haben: Die Schauspieler_innen müssen dreimal heraus zum Applaus. Ich freu mich über zwei, drei schöne Momente, fühle mich aber von dieser Art Regietheater nicht abgeholt.

cockatooCC

I. Die Stückeinführung

Wir sitzen im Nachbarhaus zur Stückeinführung. Ein junger Mann mit schwarzer Haube und runder Brille beginnt unvermittelt in ein Mikrofon zu sprechen. Nach vielleicht 20 Minuten bedankt er sich und geht. Ich fühle mich vor den Kopf gestoßen. Ich hätte ihm gerne eine Frage zum Stück gestellt. Für Fragen war aber keine Zeit. Schade. Der intime Rahmen hätte es gut zugelassen, die Stimmung hätte gut gepasst und irgendwie hätte ich mir das von einer diskursinteressierten Bühne und der jugendlichen Aufmachung des leitenden Dramaturgen erhofft.

Was wir erfahren: die Szene ist ein Nachtlokal mit dem Namen „Grüner Kakadu“ in Paris am Vorabend der frz. Revolution. Ja, ob man das mit ‚unserer heutigen Zeit‘ vergleichen kann, das ist die Frage. An sich nicht sonderlich provokant. Aber spannend könnte das schon werden. Tobias Schuster erklärt weiter, dass ja ein Problem der Kunst ist, dass man dafür bezahlt wird, die Hand, die einen füttert, ein Stück weit zu beißen. Auch hier: Die Wirtin ist für Systemwechsel, aber das System (die Adeligen) erhält sie auch. -> Zwiespalt. (√ verstanden). Der Text von Artur Schnitzler wurde „konfrontiert“ mit einem extra angefragten, zeitgenössischen Text von Bernhard Studlar (Prosper-Revolution, heißt der Text).  Dass die Grenze zwischen Fiktion und Realität verwischt, weil sich der Wissensvorsprung verschiebt. Das könnte spannend werden! Die „schizophrene Situation“ der Schauspieler_innen des „Grünen Kakadu“: So tun, als ob man die Hand, die einen füttert, beißen wollen würde, zur Belustigung der Hand – ohne wirklich zuzubeißen, nur so ein bisschen.

Tobias Schuster weist noch auf die Regisseurin hin: letztes Jahr an der Ernst Busch (Schauspielschule in Berlin) mit Kennzeichen „starker Wille zur Form“. Lucia Bihler arbeitet in einem Zweiergespann mit dem Ausstatter Josa Marx, für den das Thema Nachtclub ein „gefundenes Fressen“ sei, das heißt: Er hat daran mit viel Liebe zum Detail und großem Aufwand gearbeitet. Na gut, wir sehen es gleich.

Ich hätte Tobias Schuster gern gefragt, wie die Uraufführung inszeniert war etc. Aber zum Fragenstellen war leider keine Möglichkeit.

II. Die Vorstellung

Meine Begleitung geht noch kurz aufs Klo. Drinnen steht schon eine Schauspielerin auf der weißen Bühne in einem braunen SM-Kostüm mit Zapfhähnen auf den Busen und taucht* eine Schaukel an. Endlich können wir rein. Das Stück beginnt.

Berliner Ästhetik, denk ich. Kann cool werden oder „anstrengendes, modernes Theater“, wie eine Freundin gern sagt.

  • Ich verstehe Prospère schlecht. Sie spricht undeutlich, teilweise auch zu leise. Das nervt mich. Bin ich konservativ, weil ich will, dass Schauspieler_innen sich auf der Bühne deutlich artikulieren können? Meine Großmutter mit Hörgerät hätte ich hier nicht hereinsetzen können. Die wär wütend wieder gegangen.
  • Die Ausstattung ist tatsächlich sehr schön, erfindungsreich und bunt. BDSM als Kostümthema finde ich zwar schon etwas langweilig, aber gut. Ist ja auch ein Nachtklub.
  • Die Innenseiten der Hände zweier Figuren zeigen etwas Schwarz-Weißes. Ich kann es in der Mitte des Zuschauer_innen-Raumes leider nicht erkennen. Waren das Spielkarten? Schade, dass das so kleinteilig war.
  • Die grotesken Adeligen (blaue Hüte mit Augenlöchern, nackte Oberkörper, weiße Strumpfhosen, hochhakige Schuhe) werden von Sophia Löffler sehr schön umgesetzt. Macht mir Spaß, ihr zuzusehen!
  • Schauspielerisch überzeugt mich das, was ich sehe nicht. Allerdings ist das ja auch kein Schauspieler_innen-Theater im Sinn Peter Steins oder Andrea Breths, sondern  Regie-Theater. Ich finde es immer etwas schade, wenn Schauspieler_innen so wenig Raum haben, sich einzubringen, und stattdessen als Umsetzer_innen einer engen, durchexerzierten Regie+Ausstattungs-Idee gebraucht werden.
  • Der Herzog kreischt aus Entzückung und häufig. Das ist sehr lustig.
  • Vassilissa Reznikoff bewegt sich so krampfig. Ihre Gestik wirkt verkrampft. Ihre Mimik außerhalb der Bühnenrealität. Ich bin irritiert. Exakt dieses Spiel habe ich schon in „Punk & Politik“ gesehen. Sind das Spasmen? Warum legt sie ihre Figuren mit körperlichen Behinderungen an? Wofür steht das?
  • Ich verstehe Jesse Inman schlecht. Vieles verstehe ich gar nicht. Das nervt mich. Bin ich zu streng?
  • Die grüne Rotzmaske von Steffen Link ist sehr lustig. Wie ein unberechenbarer Pinocchio/Peter Pan sieht er aus. Zum ersten Mal wird mir klar, wie gruselig Hipster eigentlich sind: Zwischen Kind & Mann, nicht einzuordnen. Was nimmt er ernst? Welche Werte haben Hipster?
  • Am hinteren Ende der Bühne tauchen Dreier-Konstellationen auf, deren Ausstattung sehr schön ist.
  • Der Sänger scheint dem Berghain entlaufen. Ich kann ihn nicht einordnen. Erst finde ich seinen fadisierten Blick geil, er erinnert mich an Chris Corners I AM X Performance einer postmodernen, grundsätzlich verunsicherten, verletzten Männlichkeit. Aber irgendwas überträgt sich nicht ganz. Plötzlich ist er nicht mehr fadisiert, sondern geht voll in der Emotion seines Songs mit. Irgendwie unentschieden, denk ich mir.
  • Geschmuzel über den Penis-mit-Ejakulat-Hut, den Sophie Löffler jetzt auf die Bühne trägt. Gefällt mir! Witzig. Und wie sie ihn spielt, gefällt mir auch. Als ob es ein ganz normaler Hut wäre.
  • Warum hat man Reznikoffs Tätowierung am Unterarm nicht überklebt? Jede ihrer Figuren trägt so dieselbe auffällige Tätowierung. Unachtsamkeit?
  • Das Kostüm von Jesse Inman und Simon Bauer (?) ist sehr schön. Und wie sie mit den Fächern tanzen: ❤

 

sehr schönes Bild: Nicolas Fehr und Steffen Link waschen die Herzogin mit Geldscheinen in slow motion, zu ätherischer Musik.

  • Nicolas Fehr singt so low Energie. Wie auf Drogen. Auf welchen?
  • Da wo ich sitze riecht es so süßlich, gut, aber irgendwie auch nach Desinfektionsmittel. Ist das vom Bühnennebel?
  • ❤ Glitzerkostüme! Eines in rosa, eines in grün! Schaut euch die Fotos der Produktion an!
  • ❤ Manche Geldscheine sind ‚echt‘, andere sind Spielgeld. Die Bühnenfiguren wissen nicht, womit sie bezahlen. Ich freu mich über dieses metaphorische Bild. Hier knüpfen sich Gedanken an Geld/Währung/Realität/Regierung an. Spannend!
  • Der Text unterscheidet zwischen dem „Grünen Kakadu“ und ‚ordentlichem Theater‘. Was heißt das 1789, was um 1900 und was bedeutet der Unterschied jetzt?
  • Meine Begleitung kichert und flüstert in mein Ohr: Prospère erinnert sie an Gretchen Haase aus Doctor’s Diary (Ö/D: RTL, 2008-2011). Jetzt sehe ich es auch. Kicher.
  • Steffen Link spielt Henry, der sagt, dass er seine Frau getötet hat. Auf der Bühne wird die Frage gestellt, ob er sie wirklich umgebracht hat oder nur so tut. Ich bin überfragt. Ein stream of thought entsteht: Sind die besten Lügen die, die ganz nahe an der Realität liegen? Ist Schauspiel Lüge, die Wahrheit werden muss, um ‚glaubhaft‘ zu sein? Die Schwelle ist spannend. Link spielt an der Schwelle von Wahrheit und Lüge. Schöner Moment! Die Herzogin ruft ‚Bravo!‘ und wird dafür gerügt, weil der Schwellentanz damit endet.
  • Phu! Jetzt wirds philosophisch! Ist die Lüge Wahrheit, wenn der, der sie ausspricht, nicht weiß, dass er die Realität beschreibt? Mein Kopf tut weh. In a good way!
  • Paris gehört jetzt dem ‚Volk‘. Wer ist das ‚Volk‘? Dieser Aspekt hätte mich sehr interessiert.
  • Den Zwiespalt der Wirtin hätte ich ohne die Stückeinführung nicht verstanden.
  • Wow! Jetzt geht Remmi-Demmi los! Der Deichkind-Schluss war nicht nötig. Schade. Das war mir zu in the face. Dem Publikum gefällt es aber.
  • Der Auszählreim am Ende soll wohl irgendwe awareness creating sein und die vierte Wand übertreten. Es funktioniert für mich aber nicht. Ich versteh nicht, was man mir sagen möchte. Ob das am Text oder am Vortrag liegt, kann ich nicht entscheiden.

 

 

 

 

*österr. umgangssprachlich für „anschieben“, „anschubsen“. Auch gebräuchlich als „sich bemühen“, „sich einsetzen“.
Video: One Crazy House: „One crazy talking Cockatoo! Bird“
credits header image: jjjj56cp (CC BY-NC-SA 2.0)

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s