Islam für Christ_innen. Ein Crashkurs im Schauspielhaus

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In knackigen 70 Minuten habe ich Grenzen überwunden, meine Vorurteile hinterfragt und das Level A1 in der dritten Buchreligion erworben.
23.03.2016 – [Rezension] Islam für Christen – Level A1; Schauspielhaus Wien.

Angesichts der vielen Muslime und Muslimas, die es in Österreich gibt, sollte man das hier wirklich einmal machen: Sich im Ritus auf den Boden knien und eine Sure beten. Nur um zu wissen, wie sich das anfühlt. Ruhig und konzentriert. Beten als Pause im Alltag, als Rückzug zu sich selbst.

Nur noch HEUTE, 24.3. um 18:17 und 19:53 im Nachbarhaus / Bar des Schauspielhauses / Achtung: Bitte kommen Sie 15 Min. vor Beginn!

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Einstufungstest. Vor Beginn der Vorstellung auszufüllen.

Was mir am Islam aufstößt ist die Unterwerfung. Soumission nannte Michel Houellebecq seinen Roman über die Unterwerfung eines westlichen Staatssystems unter die Ideen des Islam. Für die in der Friedenswissenschaft tätige Muslima, die am Ende dieses Abends mit uns das Gebet spricht, zu dem wir uns in Richtung Mekka verbeugen und auf den Boden begeben, bedeutet der Islam, was Religion für jeden religiösen Menschen bedeutet oder bedeuten sollte, nimmt man seine Religion ernst: Eine identitätsstiftende Glaubensrichtung, die einen durch Selbstbewusstsein, Ruhe und Kraft zum guten, friedlichen Leben befähigt.

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Ich, beim Überwinden eines großen inneren Widerstandes, fotografiert von einem Mädchen, dessen innerer Widerstand noch größer war.

In diesem A1-Kurs lernen wir über die Grundzüge einer Religion, die für uns im Westen (so die Grundopposition des Abends: Westen vs. Islam) Terror, Unterdrückung und Angst bedeutet. Dabei ist der Islam nur die Religion, der way of life, den viele Menschen der Welt – nicht nur im arabischen Raum – leben. Mir als Christin kommt vieles bekannt vor: die konzentrierte Stille, mit der man erst einmal umgehen muss, der Mut, den Religionsausübung manchmal bedeutet, die innere Ruhe aus dem Gebet und dem Befolgen seit Jahrhunderten überbrachter Riten.

Auf Stühlen sitzen wir vor einem Flip-Chart und lernen über den Islam. Theorie 1. Wir waschen unsere Hände, Münder, Nasen, Arme und Füße. Praxis 1. Wir teilen uns nach Geschlechter auf. Praxis 2. Der Abend geht schnell vorbei, schwingt aber vermutlich noch lange nach.

 

Das Ziel dieser Übung, die man hier wirklich nicht verpassen sollte, ist es, die Angst vor dem großen Wort “Islam” zu nehmen. Dieses Ziel wurde erreicht. Ein spielerischer, gut fundierter und mit authentischen Erzählungen der beiden Kursleiterinnen gespickter Einführungsworkshop in ein gedankliches Umfeld, das viele “Westler_innen” verunsichert. Schön, hier diese Möglichkeit zu haben. Gerne hätte der Abend noch etwas länger dauern können. Dann hätten Fleischlin und Schupp beim Sprechen nicht so hetzen müssen.

persönliche Anmerkungen: Das Wort “Unterwerfung” stößt mir am Ende immer noch auf. Näher steht mir das Wort “Liebe”, das den Grundstock des Christentums bildet. Während im Islam die Freiheit aus der Unterwerfung kommt, stammt sie im Christentum aus der Liebe Gottes für alle Menschen.
Ich habe überlegt, ob ich Christ_innen in diesem Fall mit Binnen-I gendern soll, weil es im Praxis Teil “Advanced” nur die Möglichkeit gab, zu den Frauen oder den Männern zu gehen. Kein Dazwischen. An dem Punkt der Entscheidung rebellierte etwas in mir. Ich, die sich zu Beginn der Übung per Handzeichen als Westlich geprägt, Christin und Queer identifiziert hatte, wollte nicht von der zufälligen physischen Verfassung meines Körpers dazu gezwungen sein, den Raum zu verlassen, ein Kopftuch aufzusetzen und damit auf die Straße zu gehen. Dann entschied ich mich – gottseidank – freiwillig dazu und musste also nicht aufbegehren gegen die Ordnung, die die Kursleiterinnen Beatrice Fleischlin und Antje Schupp in diesen Abend gebracht hatten. Beim Unterstrich ist es dann doch geblieben, weil ich die angesprochenen Menschen als “Christ_innen” bezeichnen würde.

Bildrechte: (c) CapriConnection.
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