Der latente Faschismus der bunten Hüte

Ein Horrorszenario ohne Schreckensbilder. Eine Bewegung, die „alles in die rechte Ordnung bringt“ ohne sich auch nur im Ansatz zu definieren. Die fein gezeichnete Bildsprache Ingrid Langs verdichtet Caryl Churchills „In weiter Ferne“ zu einer sensiblen Idee, deren reale Gefahr in unseren Gedanken um sich greift als wir den Theatersaal hinaus auf die Praterstraße in den strömenden Aprilregen hinein verlassen. Latenter Faschismus ist schwer zu schlucken, wenn die Inszenierung so schöne, lustige Hüte produziert – und auf nackten, geschundenen Körpern präsentiert.
„In weiter Ferne“ von Caryl Churchill, Regie: Ingrid Lang. Eigenproduktion Nestroyhof Hamakom. 18.4.2016 [interview + rezension]
Weitere Termine: 20.-23.04.2016 – je 20.00 Uhr

Die Sonne strahlt noch als ich mich mit Lisa Niederwimmer im klassen Supersense auf einen Melange treffe. Sie ist Regieassistentin an verschiedenen Theatern in Österreich. Als nächstes stehen bei ihr die SchlossSpiele Kobersdorf an. „‚Othello darf nicht platzen‘ – also was ganz anderes.“ lacht sie ausgeglichen in den sonnigen Nachmittag hinein. Die Probenarbeit zu Ingrid Langs Regie-Erstling sind anstrengend gewesen und sehr schön:FullSizeRender

„Wir hatten sehr viel Spaß. Bei ernsten Stücken hat man oft viel Spaß. Trotzdem war alles immer sehr konzentriert.“

(* Im Nachhinein denke ich, dass man den Spaß und die Konzentration aus dem Probenprozess im Schauspiel spürt: Es ist ein sehr intimer Abend geworden.)

Lisa Niederwimmer kommt über die Arbeit der Regisseurin fast ins Schwärmen: „Man merkt gleich, dass sie aus dem Schauspiel kommt und richtig Ahnung von Schauspielerführung hat. Sie spürt sehr genau, wie sie mit verschiedenen Menschen reden muss. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass es ihre erste Inszenierung war, ich hätte nichts gemerkt.“ Doch die Arbeit war auch herausfordernd – nicht nur aufgrund der komplizierten Bühne: „Ich hab noch nie für ein so kurzes Stück so viel geleuchtet.“ Vier Abende hat das Team einzig dem Herausarbeiten der perfekten Lichtstimmungen gewidmet. Was ihr am Stück besonders gefällt sind Bühne („Die ist echt geil geworden!“) und Musik („Da hatten wir mit Karl Stirner echt Glück.“), der Text (zwei neu übersetzte Passagen) und das Schauspiel.

„Mein Regiebuch sieht wie eine Partitur aus. Alle Betonungen und Pausen sind genau vermerkt. Die ganze Sprachmelodie kann man quasi vom Blatt ablesen. So detailliert ist das inszeniert.“

 CG: Wie ist das Stück eigentlich bei der Presse angekommen?

LN: Gut! Im Standard (Roland Pohl, Anm. CG) und in der Presse (Norbert Mayer, Anm. CG) haben wir das Gefühl, sehr gut verstanden worden zu sein. Die Beschreibungen decken sich mit dem, was wir zeigen möchten. Dem Online Merker konnten wir uns leider nicht verständlich machen. Aber so ist das halt.

Nach einer guten Stunde müssen wir unser Gespräch leider beenden, denn es ist zwei Stunden vor Spielbeginn und die Regieassistentin muss los. Fast liebevoll sagt sie:

LN: Ich muss jetzt zu den Requisiten. Ich habe einmal bei einer Probe den Tisch von Johanna (Wolff, spielt Joan. Anm. CG) spiegelverkehrt bestückt und es erst gemerkt, als das Licht angegangen ist. Das ging natürlich gar nicht. Die Griffe sind ja alle mitgelernt. Für Schauspieler ist es sehr wichtig, dass alles dort ist, wo es sein soll. Vor allem bei so schnellen Umbauten, wie wir sie hier haben. Jetzt habe ich eine ganz tolle Checkliste und kontrolliere lieber alles dreimal durch.

Wir zahlen und sprechen dabei weiter über Niederwimmers Lieblingsszenen:

LN: Oft, wenn man weiß, wie’s funktioniert, packt es einen nicht mehr so. Aber da gibt es eine Szene, da sitz ich jedes Mal drin mit Gänsehaut am ganzen Körper und könnte weinen.

Ich lächle. Für solche Momente bin ich dankbar. Wenn ich mich hineinfühlen darf und nicht einen Diskurs verstehen, verknüpfen und die Aussage erkennen muss.

LN: Ich bin schon gespannt, wie es dir geht mit dem Stück.

Ich auch. Die Sonne scheint noch. Der Regen, der bald die Praterstraße herunterströmt, kündigt sich nicht einmal an. Im Supersense wird ein Jazzkonzert vorbereitet. Ich arbeite noch ein bisschen und geh dann rüber ins Hamakom.

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Was mich dort erwartet ist ein kleines Haus mit gläsernen Wänden, das sich während drei enger Szenen immer wieder drehen wird. Lisa hatte gemeint, das Stück rechne damit, dass man danach den Raum verlässt mit Fragen im Kopf. Ich war in Begleitung einer Freundin, die wesentlich weniger als einmal pro Monat ins Theater geht. Uns beiden war an keiner Stelle des Stückes fad. Wir waren angespannt von der ersten bis zur letzten Szene.

Die Hutmodeschau ist eines der herausstechensten Details, die ich bisher in dieser Saison am Wiener Theater gesehen habe. Geschundene Körper tragen komplizierte, teils besonders schöne, teils sehr lustige Hüte über die Bühne. Im Nachhinein erfahren wir – beinahe zwischen den Zeilen – dass nur der Siegerhut am Leben bleibt. Im Text riecht nach verbrannten Menschen und die Hüte werden mit ihren Träger_innen verbrannt.

Am Weg vom Hamakom in die New Bar auf ein Bier, eine Tschick und ein Soda-Citron resümiert meine Freundin:

„Es ist witzig, dass das Krokodil für gar nichts steht! Man fragt sich noch so: Wer sind die Giraffen und wofür stehen die ganzen Berufe, die am Ende aufgezählt werden. Aber dann merkt man: Das ist so absurd. Da gibt es nichts zu erkennen dahinter. Das könnte alles sein.“

Langs Inszenierung wird mir in Erinnerung bleiben. Wegen der dichten Schauspielerleistung, wegen der Modeschau, wegen der Musik, die von hintergründig-nett unmerklich in Marilyn Manson über geht, wegen der Bühne (und ja, dem Licht) und wegen dem Text, der unter einer Decke aus Freundlichkeit und Vorbestimmung, schmerzhaft auf die Gewalt der Ordnung verweist.

In weiter Ferne von Caryl Churchill
Eigenproduktion Theater Nestroyhof Hamakom
Regie: Ingrid Lang
Mit: Matthias Mamedof, Inge Maux und Johanna Wolff

Poster (c) graphisches Büro. // Foto Lisa Niederwimmer (c) Clara Gallistl.
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