The Art of Leaving

Relativ unbedarft bin ich Anfang Juni einer Facebook-Einladung gefolgt und hab mich an einem Ort wiedergefunden, der mich seither nicht mehr verlässt. Ich habe am 1. Juni im Museumsquartier „Marie-Fragment“ von Aristoteles Chaitidis gesehen.

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Von 23.11. – 03.12. zu sehen in der Drachengasse Wien. Weitere Termine auf der Homepage des Kunstkollektivs Terraforming Arts Laboratorium.

MARIE FRAGMENT – Teaser from Terraforming Arts on Vimeo.

Ich stehe vor der Probebühne des Dschungel Wien in einer kleinen Menge von Leuten, die alle ungefähr in meinem Alter scheinen. Nach einer kurzen Zeit öffnet sich eine unscheinbare weiße Türe in der weißen Wand des kleinen Museumsquartierhofes. Wir betreten einen spärlich beleuchteten Raum, überqueren eine Strecke Holzboden und setzen uns auf die in einem Halbkreis angeordneten Bänke. Schon vor Beginn ist eine intime, persönliche Atmosphäre entstanden, die mich bis heute nicht verlassen hat.

Im fragmentarischen Monolog des Berliner „Jung-“ Dramatikers Aristoteles Chaitidis spricht eine Frau über den Tod ihrer Tochter Marie. Regisseur Steve Schmidt (Gründungsmitglied des Kollektivs TAL – Terraforming Arts Laboratorium) hat in kollaborativen, offenen und experimentellen Arbeitsprozessen gemeinsam mit Schauspielerin Aleksandra Corovic und Regieassistentin Olivia Rosenberger eine theatrale Erzählweise entwickelt, die mich als Zusehende auf eine seltene Art in das Bühnengeschehen einbindet. Zwar sitze ich auf meinem Bankteil und sehe – wie gewöhnlich – eine Schauspielerin an. Sie spricht, stockt, lacht, weint, denkt, fühlt, spielt deutschen HipHop auf einem mp3-Player, der so gar nicht (oder vielleicht gerade deshalb voll) ins Altenheim-Zimmer-Bühnenbild passt.

Ich verfolge den inneren Monolog einer alten Frau, in dem viele Elemente der biografischen Erzählung offen bleiben. Eine Ästhetik der Löchrigkeit entsteht. Ich nehme die von Chaitidis, Corovic, Schmidt und Rosenberger entworfene Figur emotional als Charakter war. Während 45 Minuten verwandelt Corovic (die man übrigens in dieser Rolle wirklich gesehen haben sollte!!) sich von einer alten, halb-dementen Frau zur jungen buntstiftemalenden Tochter, zur Mutter dieser vielleicht siebenjährigen Tochter und wieder zur alten Frau – in einer smoothness, die ihresgleichen sucht!

Doch dann kommt der Abschluss der Performance, der mir bei geschlossenen Augen wie frisch Erlebtes vor Augen steht: Corovic, an der die Aufmerksamkeit des Raumes ununterbrochen geklebt ist, wie frühsommerlicher Morgentau an den einzelnen Grashalmen einer Wiese, steht auf, schließt ein paar Koffer und geht ab; geht mit den Koffern ab, in weitem Bogen – die gesamte Strecke über den weiten Holzboden bis zur kleinen weißen, jetzt in völliger Dunkelheit liegenden Eingangstüre, geht mit den korpulenten Koffern (Symbole ihrer Gebrechlichkeit) ab, dass man aufstehen und ihr helfen möchte. Doch man bleibt sitzen. Soll ich aufstehen und ihr die Tür öffnen? Den Koffer abnehmen? Oder störe ich die Performance dann? Ich – zurückgeworfen auf mein Zuschauerinnen-Ich. Witnessing fragility.

Die Zerbrechlichkeit dieser von Corovic gezeigten Person treibt mir Tränen in die Augenwinkel. Wie lange starren wir die Tür an, die die einzige Schauspielerin dieses Abends gerade von außen geschlossen hat? – Der Applaus ist groß und erleichtet.

Ich sag es: Sehen Sie sich das an! Es ist ein Glücksfall, dass die Drachengasse „Marie-Fragment“ in ihr Programm aufgenommen hat. Sie werden nach der Vorstellung ausatmen und sich noch lange an Aleksandra Corovic als Maries Mutter erinnern.


MARIE-FRAGMENT von Aristoteles Chaitidis.
Regie: Steve Schmidt
2. Regie / Regie-Assistenz : Olivia Rosenberger
Produktionsmitarbeit : Fidelis Hochstetter
Teaser : Willi Kubica
Darstellerin :
Aleksandra Corovic

Foto (c) Olivia Rosenberger
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