guilty pleasure – Phantom der Oper

SILVESTER SPECIAL – Phantom der Oper im Her Majesty’s Theater London.

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Beatrice Frasl ist nicht nur eine langjährige und gute Freundin, sondern auch eine der lustigsten Gesprächspartner_innen, wenn es um das Thema Gender geht. Ihr Forschungsschwerpunkt ist Gender und Disney – was mehr muss man sagen? Da sie sich gerade zum Dissertieren in London aufhält, habe ich sie gebeten, sich ein Bühnenstück anzusehen und darüber zu schreiben. Aus welchen Gründen auch immer, Beatrice hat sich das Phantom der Oper ausgesucht. Hier ihre geistreiche, kurzweilige Reflexion zum Gesehenen!

Irgendwann zwischen 25 und 30 habe ich mein pubertäres Distinktionsbedürfnis ab- und mir eine “i ain’t sorry” (um Queen B, patron saint of all boss ass bitches, zu zitieren) – Attitüde zugelegt.

Irgendwann zwischen 25 und 30 habe ich begonnen, zu akzeptieren, dass ich nie begeistert Free Jazz hören werde um stattdessen Spaß an den popkulturellen und anderen Trivialitäten zu haben, an denen ich nun mal Spaß habe, auch wenn sie eigentlich ure volle uncool sind in den Augen und Ohren des linksintellektuellen Bildungsbürgertums. in meinem Fall: Sturm (das Getränk), Eurovisions Songcontest, Charmed, Glee, Disney-filme, Chips vom Hofer, Weihnachtslieder, Miley Cyrus und, last not least: Musicals.

Deshalb war mein erster Theaterbesuch in London auch einem solchen gewidmet. Und weil ich es gleich richtig wissen wollte war dieses eine solche – “Phantom of the Opera”.

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Ja, das ist das mit dem halbmaskierten, halb der Magie befähigten (zumindest in der Musical-Version – Blitze aus den Händen!) Entstellten, der in der Oper sein Unwesen treibt und die neue Operndiva in seine Operunterwelt entführt. Das tut er, weil er so verliebt in sie ist (wie verrückt die Liebe doch ist! Hach! Man entführt da auch mal Menschen, weil man so stürmisch romantisch ist!) in der Hoffnung, dass sie ein Stockholm-Syndrom entwickelt und sich so auch in ihn zurückverliebt. Vielleicht hat er auch zuviel Disney gesehen (Beauty and the Beast – wink wink). Andererseits, denkt sich die Feministin in mir, will ja jede Frau von einem dunkel bekleideten Halbmaskierten in Opernunterwelten entführt werden. Das ist sehr erotisch – wissen wir seit Fiftyshadesofyouforgotthesafetyword. Die einzig gute Nachricht, die ich hier für euch habe, ist, dass das mit dem Stockholm-Syndrom nicht passiert.

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Ich mag ja alles, wo Leute laut reden und ständig singen und tanzen (Verweis auf oben: Songcontest, Glee, Disney) und buntes Gewand tragen. Ich wünschte, die Welt wäre mehr wie ein Musical und bei jeder Gefühlsregung meinerseits käme ein Chor und sänge mit mir vor ständig imposanter werdendem Bühnenbild und oberteillose Backgroundtänzer schunkelten im Takt zu dieser Gefühlsregung und zum Schluss gibts dann blendendes Scheinwerferlicht und meine Fans schmeißen mir Rosen hin. Es ist aber nicht so und deshalb geh ich ins Theater dafür. Musical ist bunter und lauter und fröhlicher Eskapismus. Allerdings: Wenn Musical im Jahre 2016 stattfindet ist es notwendig, mit etwas mehr Bewusstsein dafür zu arbeiten, welche Normen dieses Musical vermittelt, vor allem in Bezug auf die in der Regel zentrale Romanzenerzählung und nicht das Narrativ von der „Damsel in Distress“, die vom guten Mann vor dem bösen Mann gerettet wird, so ungebrochen und so unironisch zu erzählen, wie das genannte „Phantom of the Opera“-Inszenierung tat.

Musical ist bunt und macht Spaß.

Die exaltierte Theatralik, die melodramatische Romanzenkotzerei, die simple Plotstruktur – all das aber darf sich selbst nicht ernst nehmen, sonst verkommt es zu Stumpfsinn. Wie das geht mit dem Nicht-Ernst-Nehmen, hat zum Beispiel die neueste Wiener Inszenierung von “Elisabeth” gezeigt – da gab es Plastik-Glitzergeweihe im Bühnenbild, die vierte Wand wurde ständig selbst-referentiell durchbrochen, Kitsch wurde als Kitsch vorgeführt, es war campy, ironisch überzogen und nahm sich zu keinem Zeitpunkt (zu) ernst. Musical ist, wie Songcontest und post-2000 Disneyfilme, dann gut, wenn es weiß, dass wir wissen, dass es weiß.

Leider schien sich die Londonder “Phantom of the Opera”-Inszenierung sehr ernst zu nehmen.

Und auch das Publikum nahm das Stück, das sich selbst zu ernst nahm, zu ernst.

Tatsächlich war ich die Einzige, die an einigen Stellen laut auflachte – alle anderen starrten gebannt auf die Bühne. Als Raoul, der gute Mann, sich auf dem Weg zur Rettung seiner geliebten christine (der oben genannten opernsängerin) aus den händen des phantoms voller Inbrunst das Oberteil vom Leib reißt und ins Wasser springt – muss ich laut auflachen ob dieser parodistisch überzogenen Performance heroisch-heterosexueller Männlichkeit. Allerdings bin ich im ganzen Theater alleine damit. Entweder bin ich die einzige, die den Witz versteht oder es ist kein Witz. Der Rest des Publikums starrt gebannt auf die Bühne.

Dies ereignet sich an mehreren Stellen des Stückes und ich frag mich, wo ich da gelandet bin.

In der Pause dann wird es dann noch schlimmer, denn plötzlich beginnen die  Sitznachbarinnen das Titelthema zu…erm… singen (“the phaaaaaantom of the opera is there – inside my miiiind”). Offenbar wurde hier Theater mit Länderspiel verwechselt, denke ich und rümpfe die Nase. Bei der Jelinek im Akademietheater passiert uns das nicht.

Musical kann die heteronormativste Theaterform sein, die es gibt oder eine ironisch-übersteigerte Heteronormativitätsparodie. Manchmal ist es beides gleichzeitig.

Ich wünschte, es wäre bislang bis zur Londoner Musicalbühne oder ihrem Publikum durchgedrungen, dass da mal was war mit Postmoderne. und so.

Achja, es braucht jetzt noch sowas wie ein exptertinnenhaftes Resümee: “Phantom of the Opera” ist eh gut. Vor allem das Bühnenbild ist beeindruckend und die Sänger_innen sind erwartungsgemäß fabelhaft. Wer wirklich Musical at its best sehen will, sollte sich aber wohl (ab diesen September wieder in Wien! juchu!) eher “Tanz der Vampire” anschauen, weil: beste oida! gönn dir!

(PS: es braucht dringend feministisches Musical. warum gibt es kein feministisches Musical? Gibt es feministisches Musical?)


Callisti1010 dankt der Doktorandin der Gender / Queer Studies und Cultural Studies an der Universität Wien Beatrice Frasl für diesen Gastbeitrag. Wir haben uns gefreut!
Alle Fotos: (c) Beatrice Frasl.
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