„Die Stunde zwischen Fahrrad und Frau“ am Werk X

Die Sozialpädagogin Nathalie hat einen Albtraum und geht gern in die Disco. Am Werk-X hat Thirza Bruncken den Roman „Die Stunde zwischen Fahrrad und Frau“ von Clemens J. Setz für die Bühne übersetzt. Der Abend entzieht sich mir leider völlig.

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

keine weiteren Termine.

Wir beginnen den Abend an der Kassa, an der man uns darauf aufmerksam macht, das Stücke beginne mit 20 (!) Minuten Stroboskop. Ich sag noch zu meiner Begleitung, das stimmt sicher nicht. 5 Minuten Stroboskop ist schon lange. Aber 20?

Das Stück beginnt. 20 Minuten Stroboskop. Minimal Musik. Schwarz-weiße Papierkulisse. Romanische Säulen. Vier Kleinbürger_innen tanzen und pausieren immer wieder, in ihren Bewegungen eingefroren, um ganz langsam und beträchtlich einzelne Sätze zu äußern. Jeder Satz bedeutungsschwanger vorgetragen, ohne, dass ich verstehe, welche Bedeutung in den Sätzen liegen, wie sie zueinander passen oder, dass einer dieser Sätze besonders schön wäre. (So im Sinn: Das ist wirklich ein schöner Satz. Da ist egal, ob er was bedeutet.) Sind das Orakel oder was ist das? Wann kommt der Nebel? Wie lang dauert das Stroboskop noch? Die Musik ist ganz cool eigentlich! Aber das Stroboskop stresst. Ich bin dankbar, dass zwei der Kostüme deutliche Farben haben. Ich notiere mir:

ICH VERSTEHE DAS ALLES NICHT.

und:

Löst hier irgendetwas ein Bedürfnis nach Verstehen in mir aus?

Das Licht im Saal ändert sich endlich. Das Publikum atmet hörbar auf.

Prosaisch werden jetzt im literarischen Präteritum Begebenheiten erzählt. Ich verstehe immer noch nicht worum es geht. Ich kann mich nicht auf die Erzählung konzentieren. Die nichtssagenden Kostüme, die anzitierte Bühne, nichts gibt mir einen Hinweis darauf, wo ich mich gedanklich befinden soll. Dazu spricht Mirco Reseg schnell, hektisch und verhaspelt sich. Über mir sind Hubschraubergeräusche, die die Konzentration auch nicht befördern. Mir ist zährend langweilig. Wie gern würde ich an seinen Lippen hängen!

„sagte er, sagte sie, sagte sie schnell, sagte er und setzte sich, sagte sie und ging“

Das Wort „sagte“ fällt in diesen sehr langen zwei Stunden ohne Pause geschätzte 50.000 Mal. Wie ein Kind sehne ich mich nach Dramatik, nach einer theatralen Szene, nach einer Figur, die zu einer anderen Figur etwas sagt, nach einem Dialog, der sich entwickelt, Emotionen, die logisch aufeinander folgen – irgendetwas, das mich ins Boot, das heißt, in die Szene holt. Ich versuche Performance-Raster anzulegen, doch dafür sind die Bewegungen nicht präzise und interessant genug.

Im Folgenden führen die Schauspieler_innen Regieübungen aus. Bewegungsanordnungen, Emotionskategorien, irgendwelche Metaphern werden gesprochen („Der Raum war leer wie ein Raum mit Münze.“) Miriam Fussenegger geilt sich an Marta Kyzima auf. Ich verstehe nicht warum, wer gerade wer ist oder was da eigentlich passiert. In völliger Distanz schau ich dem Spektakel zu, das nichts mit mir zu tun hat.

Eine unglaubliche Sehnsucht nach Dramatik wächst in mir, nach dem Verstehen, der Möglichkeit einer Auseinandersetzung.

Spätestens beim (vom Standard hochgelobten) ‚Oktopusmonolog‘ muss ich mich zurückhalten, tief atmen und wegschalten. Die Langsamkeit des unzusammenhängenden Textes schmerzt. Junge, schlanke Frauen in kurzen Röcken als Lustobjekte – das braucht man als Schockelement 2017 auch nicht mehr und mich ärgert, dass es offensichtlich irgendwie um physische und psychische Beeinträchtigungen geht und die Schauspielerinnen ohne sensible Neu-Untersuchung klischierend „behindert“ spielen.

Ich habe diesen Abend nicht verstanden. Bühnenbild, Musikauswahl, Lichtdesign, Kostümdesign, Schauspiel und Text haben sich mir nicht erschlossen.

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Fazit: Vielleicht ist die Romanvorlage spannend. Dieser Abend hat leider nicht funktioniert.

Uraufführung der Bühnenfassung von Thirza Bruncken und Esther Holland-Merten
Inszenierung: Thirza Bruncken
Bühne und Kostüm: Christoph Ernst
Dramaturgie: Esther Holland-Merten
Mit: Jeanne Devos, Miriam Fussenegger, Marta Kizyma, Mirco Reseg, Dominik Warta

Fotos: (c) Chloe Potter. Werk-X.
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