Kaspar Hauser – eine Menschheitsgeschichte

Erstmals im deutschen Sprachraum stellt die norwegische Autorin und Regisseurin Lisa Lie ihre Arbeitsweise vor. Am Schauspielhaus Wien untersuchte sie gesellschaftliche Mechanismen der Ausgrenzung und Unterdrückung von der Urzeit bis zur Gegenwart. „Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!“ spielt die Menschwerdung des Menschen als symbolbehaftete Performance durch.

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weitere Termine: 2.-25.2.2017

Eigentlich muss man mit dem Bühnenbild beginnen. Maja Nilsen imaginiert die Kaspar Hauser’sche Bühnenwelt als Urzustand, der in allen Verwandlungsstufen als Zentrum erhalten bleibt. Ein großes, weißes Baumgebilde bildet die Mitte des zurückgenommenen schwarzen Raumes des Schauspielhauses. Darauf, darunter und drum herum tanzen erst behäbig, dann leichtfüßig, liebe- und gewaltvoll vier Urmenschen. Zottelig und mit Pavianhinterteilen.

Erst als die von Jesse Inman dargestellte Figur das Beine-übereinander-schlagen als Kulturform entdeckt, beginnt sich der Mensch als Gattung zu entwickeln. Folgend dienen verschiedene Entwicklungsformen der Menschheitsgeschichte als szenische Einheiten. Klug wird Tonerde als formbares Material ins Spiel gebracht. Man formt Teetassen, Kuchen, eine Pfeife und Weintrauben – was man eben gerade als Symbole der Zivilsation braucht – und spielt damit auf den altgriechischen Mythos der Erschaffung des Menschen an: Prometheus schuf den Menschen aus Lehm und gab ihm das Feuer respektive ‚die Kultur‘.

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Die Sage des Prometheus erzählt von der kulturellen Entwicklung des Menschen. Lisa Lie erzählt leichthändig den Schatten dieses Fortschrittsnarrativs mit. Eingerahmt von einem langen Anfangs- und einem langen Schlussmonolog, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Liebesbeziehung, das Mutterwerden, Kindesablehnung, den Stellenwert von Kunst und viele weitere Diskurse aufgreifen, spielen Kenneth Homstad, Jesse Inman, Vassilissa Reznikoff und Gabriel Zschache nicht nur die Fortschrittserzählung der Menschheit, sondern auch die damit einhergehende kulturelle Hegemonie durch. Visuell eindrucksvolle performative Sequenzen changieren zwischen Fremd- und Selbstverortung, Unterdrückung und Unterwerfung, Bewusstsein und Unterbewusstsein, Gewalt und Liebesdrang.

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Schön zeigt etwa die Absolutismus-Szene (Reznikoff wunderbar herrisch und selbst von ihrer Position beherrscht im Marie-Antoinette-Kleid) die Selbstverständlichkeit gesellschaftlicher Herrschaft, legitimiert rein durch ihre Existenz. Licht-, Kostüm- und Bühnenbild schaffen eindrucksvolle Räume, die in Erinnerung bleiben. Wenn auch der Abend in seiner Gesamtlänge von knapp zwei Stunden hier und da Straffungen vertragen hätte. Gerade in den performativen Sequenzen ohne Text neigen sich die Ideen zu verlaufen.

„You need to be controlled by culture.“Infrage gestellt wird Herrschaft nicht durch die Ausgestoßenen, sondern vom eigenen schlechten Gewissen.

Dass die Kulturalisierung des Menschen vor allem auch die Unterdrückung von Natur und ausgestoßenen Menschengruppen bedeutet, zeigt Lisa Lie deutlich. Bildstark kommt diese Uraufführung daher, Fokus auf Textverständlichkeit wurde leider nicht gelegt.

Fazit: Starke Bilder über die Entstehung menschlicher (Un-)Kultur. Textverständlichkeit kommt leider zu kurz. Gurken riechen gut. Spannend, nichtdeutschsprachige Theaterarbeit in Wien zu sehen! Lise Lie und Maja Nilsen haben einen eindruckvollen Ort geschaffen. Zu sehen noch bis 25. Februar im Schauspielhaus Wien!

KASPAR HAUSER oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!
Autorin: Lisa Lie
Regie: Lisa Lie
Bühne & Kostüme: Maja Nilsen
Dramaturgie: Tobias Schuster
Künstlerische Mitarbeit: Julian Blaue
Besetzung: Kenneth Homstad, Jesse Inman, Vassilissa Reznikoff
und: Gabriel Zschache

Fotos: (c) Matthias Heschl.
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