Die Verantwortung übernehmen – Regisseur Franz-Xaver Mayr im Interview

Der Wiener Theater-Jänner 2017 war gezeichnet von einem Neuen: Franz-Xaver Mayr, gebürtig aus dem schönen St. Johann im Pongau, feierte am 13.01.17 mit „diese mauer fasst sich selbst zusammen“ am Wiener Schauspielhaus, und am 23.01.17 mit „Die großen Kinder unserer Zeit“ im Theater in der Drachengasse Premiere. Letzteres Stück wurde 2016 mit dem begehrten Newcomer Award ausgezeichnet. Ich habe FX an einem kalten Dienstagabend im warmen Café Prückl getroffen.

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 nicht verpassen: „Der Stern“ ist heute (16.2.) und morgen (17.2.) im Schauspielhaus Wien zu sehen! und dann wieder am 28.2. sowie 1.+2.3.

Franz-Xaver Mayr sitzt eines Abends im Café Prückel am perfekten Ecktisch hinter dem älteren Herren, der dienstags die wohlige Wiener Atmosphäre des Cafés mit sanfter Klaviermusik verschönert. Einen kurzen ruhigen Moment lang genießen wir völlig zufrieden den Ort, die Musik und die Zeit, die wir uns genommen haben. Ein Rückzugsort, das Wiener Café. Dann beginnt FX zu sprechen und ich muss ihn fast zurückhalten.
Noch mit der Speisekarte in der Hand legt er los. Die schönsten Sätze über Theaterarbeit sprudeln nur so aus ihm heraus und ich hab meine Notizsachen noch gar nicht zurecht gelegt. Er lacht: „Wenn man mich hinsetzt und fragt, beginne ich zu reden. Das kommt einfach so aus mir heraus.“
Wir bestellen zweimal „Fenchelcremesuppe und ein kleines Bier“. Wir lächeln uns an. Immer mit der Ruhe. Dann beginnen wir das Gespräch:

Was findest du in deiner Theaterarbeit gerade spannend? Was interessiert dich? Woran oder womit arbeitest du gern?

Hm. (FX stützt seine Wange mit einer Handfläche ab und sammelt sich kurz.) Ich finde immer, also das ist konstant, spannend, dass eine Person auftritt und zu vielen Personen spricht. Das ist der interessanteste Moment am Theater. Die Frage ist: Übernimmt man in dem Moment eine Verantwortung für alles oder nur für sich?

Was ist „alles“?

Screen Shot 2017-02-16 at 11.12.09.pngIm besten Fall kann ich verantworten, was der Text sagt, was inszeniert wurde und zu wem ich spreche. So erscheine ich dann im Licht und ich spreche und alle hören es. – Vielleicht sprechen bei mir darum immer alle nach vorn. – Akustisch verständlich für das Publikum. Es ist ein Auditorium, in dem Theater stattfindet. Es muss mir immer bewusst sein, dass das, was passiert, keine Illusion ist, sondern Worte, die zu einer Gemeinschaft gesprochen werden. Man muss ernst nehmen, dass sich jemand auf den Weg gemacht hat und sich da hingesetzt hat um diesen Text zu hören.

Ist die akustische Situierung das erste, das du in deiner Arbeit angehst?

Ja. Sehen ist manchmal ein Problem, aber das Wort kann man immer an alle richten. Die Akustik ist die erste Dimension, an die ich beim Inszenieren denke.

Hast du die Kritiken zur „Mauer“ („diese mauer fasst sich selbst zusammen und der stern hat gesprochen, der stern hat auch was gesagt“ Schauspielhaus Wien, UA: 13.01.17, Regie: Franz-Xaver Mayr, Text: Miroslava Svolikova) schon gelesen? Liest du Kritiken?

Ja, sicher. Das interessiert mich ja. Kritisiert wurde, dass es plätschert und redundant ist, dass man die Regieideen merkt. Aber: Plätschern, Redundanz und Regieideen sind das Material, aus dem unsere Lebensrealitäten als Kreativschaffende gemacht sind. Weißt du, für mich ist es ok, dass nicht alle interessiert an meiner Art zu arbeiten sind. Ich gehe auch oft genervt aus dem Theater raus und andere freuen sich.

Was war an Svolikova’s Text die besondere Herausforderung?

Screen Shot 2017-02-16 at 11.13.52.pngEs gibt keine Narration, keine Figurenpsychologie. Der Text kann keinem Dramengenre zugeordnet werden. Es ist der Entwurf eines Theatertextes. Das finde ich sehr mutig. Entwurf bedeutet für mich: luftig, beweglich. Ein Entwurf ist nie falsch oder richtig. Am Theater darf man nie von etwas Fertigem sprechen. Jeder Abend ist ein neuer Entwurf. Das macht Angst, aber das ermöglicht auch Atmen. Als die Person, die den Text inszeniert, kann man selber Groß bleiben dabei.

Wieso sagst du nicht „Regisseur“?

Was habe ich gesagt?

„Person, die den Text inszeniert“.

Ja. Ich denke, es gibt viele verschiedene Wege, einen Text umzusetzen. Nicht alle dieser Wege würde ich als Regie bezeichnen.

Hast du die Offenheit des Textes, die Entwurf-haftigkeit, als stressig empfunden?

Der Text hat so viel Luft. Im Text heißt es: „Ich möchte gerne anfangen aber zuerst muss man sich wohin stellen.“ Wir mussten also erst mal Positionen finden. Ich habe mir gedacht: Wir müssen jetzt so lange miteinander sprechen, bis jede_r seine_ihre Position hat und alle Positionen für alle passen.

Das hört sich cool, aber auch langwierig an. Wie sah der Probenplan aus?

Zuerst hatten wir eine Leseprobe in der wir die Verantwortungen für die einzelnen Textteile geklärt haben. Dann gab es Gespräche mit den Schauspieler_innen und mit Anna (Laner, Dramaturgie, CG) und Michela (Flück, Kostüm & Bühne, CG) über den Text. Wir haben oft am Tisch gelesen und gesprochen, um jedes Wort einmal befragt zu haben. Das hilft den Schauspieler_innen auch beim Lernen. Lernen ist für mich Teil des Probenprozesses und nichts, das man allein zuhause macht. Mir war besonders wichtig, dass alle Beteiligten ihre Emotionen gegenüber dem Text ausdrücken. Da gab es Passagen, die uns wütend gemacht haben, andere haben uns sehr gefreut.

Ich kenne wenig Tätigkeiten, die schöner sind, als sich in einer Gruppe intensiv mit einem Text auseinander zu setzen. Man dringt so tief in die Gedanken eines anderen Menschen ein und damit in sich selbst.screen-shot-2017-02-16-at-11-18-39

Es stellt ein Teamgefühl her. Arbeiten war bei uns immer Reden. Und Reden war immer der Modus unseres Orientierens. Das Suchen in einer künstlerischen Arbeit liegt nicht jedem. Manche wollen umsetzen und nicht suchen. Es war eine emotionale Dramaturgie, die unseren Probenprozess begleitet hat.

Hattest du zu einem Zeitpunkt Angst, dass keine Ideen kommen?

Hm. (FX zögert, legt sein Kinn auf seiner Handfläche ab und sagt:) Nein. Ich habe mir von Anfang an gedacht, es werden sich die Ideen schon einstellen. Wir haben lange gewartet. (Er lacht.) Das ist normal.

Das würd mich so stressen. Mich beeindruckt dein Vertrauen in die Sache, in deine Herangehensweise, in die Gruppe!Screen Shot 2017-02-16 at 11.20.30.png

(FX lacht.) Wir haben laaaaange gewartetund plötzlich war es da. Das ganze Scheitern war eigentlich der Konstruktionsprozess. Scheitern ist keine negative Beschreibung dessen, was im Probenprozess passiert ist. Die größte Leistung, die wir erbracht haben ist, dass wir Orientierung gefunden haben und Vertrauen.

Meinst du auch Vertrauen in den Text?

Ja. Aber ich meine nicht Svolikova im Speziellen. Ganz allgemein muss ich eine Bejahung dem Text gegenüber stellen; eine Zuversicht, dass da was steht. Ich muss der Autorin vertrauen. Ich stelle den Text nicht infrage. Diesen Einsatz muss ich zur Arbeit bringen.

War das bei diesem Text besonders schwer?

Nein, ich meine das ganz grundsätzlich. Wenn ich etwas aus dem Text heraus nicht erklären kann, ist das kein Problem. Nur so kann man Neues finden. Vielleicht nicht für die ganze Welt neu, oder für’s zeitgenössische Theater, aber zumindest für einen selber.

Was ist das Ziel von Theater?Screen Shot 2017-02-16 at 11.22.38.png

Am Besten: Etwas Neues finden. Oder etwas das schon länger nicht mehr da war. Eine kleine Form von Reiz. Für das Publikum, damit es 1,5 Stunden lang nicht „auf der Straße“, also in seinem Alltag, war und danach über etwas sprechen kann. Das Licht geht aus. Man kann sitzen, zuhören und wird stimuliert.

Wie im Kino?

Nein. Das ist ganz anders. Im Kino konsumiere ich. Der Raum ist im Kino zweigeteilt. Das Publikum atmet und auf der Leinwand ist totes Licht.

Im Theater haben wir die seltene Situation, dass da auch jemand atmet.

Die leeren Suppenteller sind mittlerweile längst abgeräumt und auch unsere kleinen Biere neigen sich einem Ende zu.

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„Sollen wir noch eines nehmen?“, fragt FX. „Hast du Zigaretten?“, frage ich. „Nein, aber wir könnten welche kaufen und uns das Packerl teilen.“, sagt der kecke Salzburger mit herausforderndem Blick. „Aber dann gehen wir woanders hin.“, sage ich und meine, raus aus dem hellen Nichtraucher-Bereich und an einen Ort mit gedämmterem Licht und Aschenbechern (man darf schon mal Ausnahmen machen vom gesunden Leben). Während wir auf die Rechnung warten erzähle ich Franz-Xaver von meinen Gedanken zum Thema „politisches Theater“ und bringe mein Gegenüber plötzlich zu einer sehr schönen Conclusio:

(FX formuliert.) Vielleicht ist das die Möglichkeit, an der Theater politisch werden kann: Dass ein Raum entsteht, in dem ich mich bewegen kann, nein, muss. Ich, als einer, der zuschaut. Das stimmt auch für den Text von Miru (Svolikova, CG). Sie stellt uns mit dem Text in einen Raum, in dem man sich positionieren muss.

Was jetzt? „muss“ oder „kann“?

(FX lacht und überlegt.) Vielleicht muss man „können“ mit „müssen“ austauschen. – Vielleicht muss man aber auch beides nebeneinander stehen lassen.

Der Kellner kommt, wir zahlen jede_r eine Fenchelcremesuppe und ein kleines Bier und machen uns auf den kurzen Weg hinaus in den Kälte, hinüber zum Café Engländer, wo eine Schachtel Gauloises und zwei große Blonde auf uns warten.

Fotos: (c) Franz-Xaver Mayr.
Interview: Clara Gallistl, 2017.
aktuell in Wien zu sehen: „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“, Schauspielhaus Wien.
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