„Freaks“ im Werk-X. Eine Suche

Der amerikanische Satire-Autor Joey Goebel hat 2006 einen Roman namens Anomalies geschrieben. Die offshore Group fühlte sich beflissen, eine Dramatisierung des Textes auf die Bühne zu bringen. Ein Theaterabend, der nie richtig sein Tempo findet, und eine Romanwelt, die ganz spannend sein könnte.

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Weitere Termine: 28 / 29 März. 3 / 4 / 5 April (je 20.00)

Eine Produktion, die „Freaks“ heißt, legt mit ihrem Titel ordentlich vor. Was bekommt man zu sehen? Wie interpretiert das Werk-X 2017 „Abnormale“, „Ausgestoßene“, am „Rand der Gesellschaft“ lebende? Schon das Kostüm deutet an, was sich während der Performance bewahrheiten wird: „Freaks“ fallen hauptsächlich durch ihre nicht Mainstream-konforme Kleidung auf. Das wirkt ein wenig abgeklatscht.

Dabei ist „Freaks“ der Name einer unkonventionellen Band, die in einer mittelamerikanischen Kleinstadt aus Luster (Afroamerikaner, Sprößling eines Drogenclans), Opal (80-jährige im dritten Frühling), Aurora (Performance-Stripperin), Ember (8-jähriges Kind mit psychischen Beeinträchtigungen) und Ray (emigrierter Iraker und Ex-Soldat) besteht und durchaus narratives Potenzial bietet. Mit einer der spannendsten Plot-Kniffe liegt bei Ray, der im Golfkrieg einen amerikanischen Soldaten angeschossen hatte und in den USA nun nach ebendiesem Soldaten sucht um ihn um Verzeihung zu bitten. Unkommentiert lässt Kubesch dieses Politikum im Raum stehen.

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In flüssigem Identitäts/Gender/Sprechpositions-Wechsel spielen Cecilia Steiner, Caner Sunar und Malte Sundermann die Entstehung der Band durch. In Markus Kubesch’s Inszenierung darf der erste Auftritt der „Freaks“, in dem der mit 90 Minuten etwas zu lange konzipierte Abend endet, nicht einmal durch einen ästhetisch abgestimmten Song glänzen.

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Trotz einzelner schöner Sequenzen kommt das Stück bis zum Schluss nicht in Fahrt. Gängige Positionen satirischer Popkultur (scheiternde Psychotherapie, Empathielosigkeit der Mehrheitsgesellschaft, diskriminierende Alltagssprache, Explizite Sexualität) scheinen der Produktion näher gelegen zu sein als die Erforschung der sozialen Tiefen des Textes. Die Figur der 8-jährigen Ember hätte wohl am deutlichsten eine innere Zerrissenheit, ein sozial-konstruiertes Kondensat der scheiternden Gesellschaft zeigen können.

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Caner Sunar’s zwischen Fremd- und Selbstbestimmung grotesk und anmutig changierende Striptease-Performance deutet an, was mit Joey Goebel’s Text möglich gewesen wäre: eine transzendierende Untersuchung des Begriffs „Normalität“ im Kontext der USA.

Fazit: Luster hat 1 ganz guten Spirit! Die „Freaks“ treten gegen die „Humanoiden“ an und die Inszenierung tut so, als ob es kein dazwischen gäbe. Der Abend ist eine Empfehlung, das Buch zu lesen.

FREAKS.
Nach dem Roman von Joey Goebel
Eine Produktion von offshore group in Kooperation mit WERK X
– Österreichische Erstaufführung
– Inszenierung und Bühne: Markus Kubesch
– Dramaturgie, Produktion: Iris Raffetseder
– Mitarbeit Bühne: Christina Pointner
– Kostüm: Valerie Liegl
– Assistenz: Viktoria Klimpfinger
Mit: Cecilia Steiner, Caner Sunar, Malte Sundermann

Fotos: (c) Heinz Deinhardt.

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