Der gemeinsame Traum vom alten Wien – „Ja, eh!“ von Voodoo Jürgens & Stefanie Sargnagel

Das für sein Kabarett-Programm bekannte Theater Rabenhof in Wien hat Voodoo Jürgens Lieder und Stefanie Sargnagel Texte in einen sexy-grindigen Abend verpackt. Wo ein spannender ästhetischer Bruch die Renaissance des Alt-Wiener Volkstheaters einläuten hätte können entsteht ein inhaltlich angereichertes Live-Konzert. „Was für Fans und solche, die es werden wollen.“

weitere Termine: April 25., 26. I Mai 12., 22., 23.

Auf der noch dunklen Bühne behauptet ein einsames Mikrophon ein selbstbewusstes Ich in den Raum. Wer wird gleich heraustreten aus dem Dunkel und ihre_seine Stimme gegen uns, das Publikum, erheben? Es ist der Schlaucherl-Shootingstar Voodoo Jürgens und er singt ein Lied. Das wird großartig, denk ich.

Sargnagel und Jürgens verbindet der träumerische Blick in ein altes Wien, das an den Rändern sozialer Strukturen und unter ihren Oberflächen seit dem Ende der Habsburger Monarchie existiert. Es ist eine Welt, in der ‚Erfolg‘, ‚Normalität‘ und ‚Gesundheit‘ theoretische Begriffe sind und weder Neoliberalismus noch Kapitalismus je eine Chance haben werden. Es ist eine Welt des Alkoholismus, der Spielschulden, der familiären Gewalt, aber auch der Solidarität, der Anerkennung des Gegenübers als Menschen und des Angekommen-Seins. Was Jürgens und Sargnagel unterscheidet ist, dass sie nach (bürgerlicher) Normalität strebt, während er sich als (seine eigene) Norm empfindet.

Ich bin gespannt: Wird das eine junge Version von Brecht’schem Volkstheater? Steffi Sargnagel als Mackie Messer im mafiösen Kampf gegen das österreichische Partiarchat? Der Wiener Strizzi Jürgens steht bereit vor der braunen Innenwand einer Alt-Wiener Gaststätte. Prominent klebt ein „Nein“ Sticker mitten im Sichtfeld. Doch dann geht der musikalische Teil in den theatralen über. Ich bin irritiert. Drei geschlechtslose Pumuckel-Kinder in unförmigen, ranzigen, löchrigen Pullovern, Bauchtascherl, ausgewaschenen Jogginghosen, Converse und zerrupften Perücken stehen da und behaupten, als Drei-Stimme „Steffi“ zu sein.

Jürgens Auftritt war so authentisch-verspielt, sexy und eine lässige Eintrittskarte in die Welt der Wiener Strizzis. Der Sargnagel-Beitrag wird von heruntergekommenen Pippilangstrumpfs in chorischem Theaterdeutsch dargestellt. Damit nimmt man dem Text das bestechend Unmittelbare. Wieso werden diese radikal ehrlichen Texte derart bloß gestellt? In der durch Wangenmikros verstärkten Audiospur kann sich der Text keinen Centimeter frei bewegen.

Bei Sargnagel hat man den Eindruck, die Sätze, die Erkennisse aus ihrem Alltag passieren ihr einfach. In diesem ‚einfach passieren‘ liegt der ganze Zauber ihrer Sprache. Sie machen den Ort, von dem Gedanken kommen, in künstlerischer Feinheit transparent.

Vor mir auf der Bühne bewegen sich geschlechtslose, alterslose, Grind-Kinder durch das verschrobene Christine Nöstlinger-Zitat einer Theater-Inszenierung. Der Pseudo-Realismus verarscht den Text, denk ich, schade. In den letzten Tagen vor der Premiere hatte ich mich an die Inszenierung von Heiner Müllers „Hamletmaschine“ der Regisseurin am Burgtheater erinnert. Die cleane Ästhetik hatte in mir die Hoffnung geweckt, man würde Sargnagels Texte nutzen, um eine Hochglanz-Ästhetik des Neuen Wiens freundlich, aber streng zu brechen. Mit Miriam Fussenegger steht eine Ex-Salzburger-Buhlschaft auf der Bühne. Wie hätten die Sargnagel-Texte in der Salzburger-Feststpiele-Sexyness wirken können?

So, jetzt bin ich schon mal verärgert, weil ich das Gefühl habe, dem Text wird nicht auf Augenhöhe begegnet und plötzlich frage ich mich, was Fussenegger, Klar und Kalisch da eigentlich darstellen. Sind das drei Pumuckels? Verlotterte Pippilangstrumpfs? Schirche Ronja Räubertochters? Warum eigentlich drei? Braucht man drei Frauen, wenn auf der anderen Seite der Sex-Gott Vodoo Jürgens mit seiner Männer-Band steht? Wieso dann so schlampige Kinder und nicht drei Sex-Gott Frauen? Lässige, sexy Strizzi-innen! Muss feministischer Naturalismus hässlich sein? Die Kostüme der drei scheinen direkt von der Garderobenstange der Muttertag-Statisterie zu kommen. Noch ein paar Löcher in den Pulli und Hosenträger dazu. Fertig ist der…ja, wer eigentlich? Formlose, charakterlose Figuren sprechen Texte, die durch ihre Formlosigkeit und Multiperspektive beeindrucken. Das ist eins zuviel.

Besonders in der dem Bachmann-Preis-Text entnommenen Bar-Szene (Steffi trifft den fesch zamgerichteten Liebeskummer-Bsuff Mercedes in einem Wiener Beisl und sie saufen) ärgert mich die herablassend-humoristische Darstellung von ‚Proleten‘. Was im Text respektvoll geschieht, wird von der Inszenierung klischiert übertrieben und macht aus den ‚echten‘ Menschen eindimensionale Imaginationen eines bürgerlichen Gesellschaftssegments, dem ich wage zu unterstellen noch nie respektvollen Kontakt mit Arbeiter_innen und/oder Arbeitslosen gehabt zu haben.

Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Sprache, in der die Schauspielerinnen ihre Figur(en) anlegen: Ihr Standard-Theater-Deutsch nimmt den Sargnagel-Texten, die in der Wiener Vorstadt angesiedelt sind, ihren letzten authentischen Rest. Wenn dann von „Berti’s Bar“ die Rede ist und der Akzent ein bundesdeutscher ist, zieht es mir die Zehennägel zusammen.

Dem Publikum allerdings hat es gefallen. Sehr sogar. Jede Voodoo-Jürgens-Nummer wurde mit Szenenapplaus gutiert, gegen Ende fielen Juchzer der Entzückung aus den hinteren Reihen. Ein „Voodoo“-Schrei. Zwei-drei mitgesungene Textzeilen. Viele Sargnagel-Passagen lösen Wellen von Gekicher aus. An einer besonders krass-antipatriarchalen Stelle (Ja, der Text über die Schutzbedürftigkeit von Hoden) müssen die Schauspielerinnen sogar für einen Moment ihren Sprechchor unterbrechen, weil das Publikum so abbricht. Es ist sicher ein extrem lustiger Abend, wenn man kein Theater, sondern Kabarett/Musik erwartet.

Fazit: Klasses Voodoo-Konzert mit klischiert-überzeichneten Sargnagel-Texten. – Tscharyiskis Inszenierung entscheidet sich dazu, zwei zeitgenössische, radikal-naturalistische Stimmen aus dem neuen, Alten Wien gemeinsam darzustellen. Die männliche Stimme authentisch und sexy. Die weibliche künstlich-verfremdet und abstoßend hässlich. Kann man so machen. Muss man aber nicht.

Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis
mit: Miriam Fussenegger, Saskia Klar und Lena Kalisch
Musik: Voodoo Jürgens und Band
Texte: Stefanie Sargnagel
Regie: Christina Tscharyiski
Ausstattung: Sarah Sassen
Kostüme: Catia Palminha

Fotos: (c) Ingo Pertramer / Rabenhof.
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