Literatur im Wohnzimmer. Mudar Alhaggi als literarischer Nahversorger

„Theater öffnen“ bleibt meist leeres Wollen. Doch das Dramatiker_innenfestival in Graz zieht die Idee der Öffnung durch – und verlegt 50 Lesungen internationaler Autor_innen in steirische Privatwohnungen. Ich war beim syrischen Dramatiker Mudar Alhaggi in einer supernetten WG am Geidorfplatz. Noorullah Sayid hat den Ausflug fotografisch begleitet und ein Video daraus gemacht.
 (c) Stefanie Tomaschitz 2
„Literarische Nahversorgung“ ist der inoffizielle Start des Dramatiker_innenfestivals 2017. Seit 7.6. läuft der zeitgenössische Theaterhase durch ganz Graz. Bis Samstag, 10. Juni!

Ziemlich nass wird unsere Gruppe am Weg vom Schauspielhaus Graz zur Student_innen-WG am Geidorfplatz. Ein Platzregen bereitet uns auf das gemütliche Beisammensein im Wohnzimmer dieses privaten Raumes aber ideal vor. Wir erleben eine der 50 Stationen, in die das Schauspielhaus Graz und UniT zeitgenössische Dramatiker_innen geladen haben. Überall kommt man sich ein kleinem Rahmen bei literarischen Texten und liebevoll hergerichteten Snacks näher. So kann man ein internationales Festival auch eröffnen!

Mudar Alhaggi nimmt mit einem Bier und in Socken auf der Couch Platz. Lachend kommentiert er: „Das ist die erste Lesung, die ich ohne Schuhe halte.“ Draußen tropft der Regen auf Laubbäume und Straßen, Vögel zwitschern, ein Auto fährt vorbei. Erik Altorfer, Dramaturg und langjähriger Freund Alhaggis, erzählt angenehm niederschwellig über den Autor Mudar Alhaggi, seine Themen, seine Arbeitsweise, seinen Werdegang. Für uns – knapp die Hälfte des Publikums – stellt diese Einführung einen spannenden Perspektivenwechsel dar. Alhaggi leitet gemeinsam mit Altorfer den Theaterblog-Workshop „Our Eyes„, der an den Schreibworkshop „Our Stories“ von 2016 anschließt (beide am Schauspielhaus Graz). Die Jugendlichen, die das Festival bloggend begleiten, kennen Alhaggi als Workshopleiter, Wegbegleiter, Ansprechperson. Nun sitzt er als Autor vor ihnen.

 

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In der auf die Lesung folgende Diskussion, die sich nach und nach auf den süßen Balkon der WG verlegt, geht es zufällig um das Festivalthema „Privatsache“: Wie ist das mit der Privatheit im öffentlichen Vortrag von sehr privaten Texten? Alhaggi las aus Texten, die er als Blogger eines Berner Theaterfestivals 2014 geschrieben hatte. Ein Jahr zuvor war er aus Syrien nach Beirut geflohen. Seine Texte über Bern sind immer wieder durchdrungen von Erinnerungen und Empfindungen des Krieges in seiner Heimat.

Ich schreibe über die Möglichkeit, in der Schweiz zu weinen.

Alhaggis kurze Texte sind sich zärtlich ihrer Umwelt bewusst. Sie leiden, lachen und empfinden. Durch ihre mutige Transparenz entwickelt die Verletzlichkeit menschlicher Empfindung eine besondere Stärke, die mich an ein Gefühl erinnert, das sich angesichts der sich auch in Europa rapide verändernden Welt in mir und meinen Bekannten in unaufhaltsamen Fortschritt ausgestaltet.

Dieses Gefühl ist verbunden mit dem Gespräch, das wir in letzter Zeit häufiger führen: Dass bald alles anders wird und, dass sich viele in Österreich/Europa „dann noch wundern werden“. Nicht wir. Wir sehen. Wir gehen offenen Auges in die Zukunft aus der Alhaggis Texte uns zuzurufen scheinen. Doch wie sich wehren mit all den tauben Mitstreiter_innen.

Später auf dem Balkon bespreche ich mit Alhaggi die zentrale Problematik, die jeder Kunst, die in brisanter aktueller Situation entsteht, anhaftet. Sie trifft nicht ausschließlich mein ästhetisches Zuschauerinnen-Herz, sie trifft mein politisches Bewusstsein. Während seiner Lesung hatte Alhaggi davon gesprochen, welche Reaktionen ihm begegnen, wenn er „die Bombe platzen lässt: Ich bin aus Syrien.“.

Wahrscheinlich muss man Texte wie die Alhaggis einfach mehrmals lesen um sich sozusagen von dem starken Eindruck des syrischen Krieges hin zum Eigentlichen des Textes „durchzulesen“. Während des ersten Eindrucks jedoch fesselt sich mein Körper. Ich nehme Stift und Papier noch während der Lesung und suche nach Worten. Unfair. Menschlich. Traurig. Das Zuhören trifft mein Politisches. Wie politisch das Private doch ist, denke ich. Wie privat das Politische. Das Kleine ist groß, schreibe ich. Das Detail beschreibt das Ganze. Die syrische, die afghanische, die Katastrophe des Mittleren Ostens (Osten – von wo aus?) ist die unzählbare Katastrophe einzelner menschlicher Biografien.

Alhaggis Logbuchtexte beschreiben das menschliche Sein schlagend, spielerisch und tanzend – durchdrungen von der Wahrnehmung seiner unmittelbaren Umgebung. Ich freue mich auf das erneute Lesen. In Ruhe. In meiner Privatheit.


Das KulturRef Graz hat ebenfalls zu dieser Veranstaltung gebloggt.
Beitragsbild Wohnzimmer (c) Stefanie Tomaschitz und Mahmood Al Bakeet. I Video (c) Noorullah Sayid.
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