Bonnie wartet und beschäftigt sich erst mal mit den schönen Dingen.

Fashionblogger, Foodblogger, Lifestyleblogger – alle Instagrammer muss man in diese Inszenierung reinsetzen, Leute, die sich am Sonntag gern Zeit fürs Feuilleton nehmen, und solche, die Spaß am cleveren Non-Sense haben. Wobei, Sinn macht dieser sehr gut gearbeitete, stürmische, klingende Theaterabend ja. Ich war bei „Arme Gerechtigkeit, liegst im Bett und hast kein Kleid“ von Franz-Xaver Mayr und Korbinian Schmidt im Theater Drachengasse.
*** Franz-Xaver Mayr ist aktuell für den NESTROY Preis 2017 nominiert. ***

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Mir gefällt an den Arbeiten von Franz-Xaver Mayr und Korbinian Schmidt, dass sie sich voller Lust und mit offenem Visier den komplexen Themen stellen, die unsere Lebensrealität ausmachen, und das in einer Radikalität, in der sie sich nicht einmal vor sich selbst schützen. Diese Arbeitsweise lässt Theaterabende entstehen, die so voll sind, dass ich fast nicht darüber schreiben kann.

Auf der Bühne stehen drei Leute in sehr gut gearbeiteten, schönen Kleidern und reden. Das war’s. Sie bewegen sich und reden. Sie reden gleichzeitig und nacheinander, hören einander mal zu, dann wieder nicht. Irgendwann – am Schluss – passiert was, das ich nicht sagen darf und von dem ich auch kein Foto posten soll. Das, was da passiert, ist so lustig, dass ich hoffe, ihr schafft es noch vor dem 21. Oktober ins Theater Drachengasse. Es ist echt sau witzig und es wär schade, wenn ihrs verpassen würdet.

 

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“Drei Mitglieder des Bürgertums behaupten sich selbst.” Oder: “Die Bubble stellt sich vor.” – Ich suche nach einem Satz, der erklärt, was hier passiert, aber ich weiß nicht, wie ich zusammenfassen soll, worum es geht. Ich finde nämlich, es geht nur zum Teil um Gerechtigkeit. Im ersten Teil wird mir manchmal etwas zuviel erklärt. Die Gerechtigkeit taucht als Allegorie auf. Das hätte ich eigentlich auch nicht gebraucht. Viel lustiger und spannender finde ich, wie die drei Figuren des Mayr/Schmidt’schen Theaterkosmos physisch und psychisch auf die Komplexität des Begriffs “Gerechtigkeit” reagieren.

„Naja, es geht halt um unser Leben und was uns so umgibt.“, versuchte eine Besucherin ein paar Tage später im Werk X „Ich glaube“ vom Aktionstheaterensemble zusammenzufassen. Von der Machart her ähneln sich „Arme Gerechtigkeit“ und „Ich glaube“ sehr. Assoziativ werden Texte, Haltungen, Themen und Positionen angeordnet und bieten dem Publikum eine dichte Welt an Möglichkeiten an, Dinge neu zu denken.

Während dem Aktionstheaterensemble allerdings nur ein loses Gruppenarbeitsergebnis gelang, erreichen Mayr und Schmidt mit ihrem Ensemble eine beeindruckende Anstrengung, die Spaß macht – und bei der einem der Mund offen stehen bleibt.

„Ich habe mich allen Wettbewerben gestellt.“

Meisterhaft zeigt sich die Regie-Handschrift des jungen Duos in den Chorsequenzen. Nehle Breer drängt gegen Ende mit einem kraftvollen Monolog über den Style, den Widerstand und die Sehnsucht nach Haltung von der Bühne heraus ins Publikum – wie ein Rapsolo, das so schnell wird, dass man beim Zuhören nur mehr die Luft anhalten kann. „Chor kann er“, schreibe ich in mein Notizheft und erinnere mich an den Nestroy-nominierten „Stern“ von Miro Svolikova und die „Kinder“ am Theater Drachengasse vergangene Saison.

Alle drei Figuren heißen Bonnie. Bonnie ist männlich und weiblich und das wechselt ständig, bis irgendwann egal ist, wer wie heißt und welches Geschlecht hat. Major love!!

Bei Franz-Xaver und Korbinian werden Textflächen wie Waffen für Angriff und Verteidigung verwendet. “Mich wundert langsam gar nicht mehr, dass du keine Arbeit hast.” wirft Karola Niederhuber an einer Stelle Nils Rovira-Muños vor und holt sich so ihren Raum im Gespräch wieder zurück. Ein Abend, der Ihren Kopf waschen wird – im besten Sinne.

Fazit: Große Empfehlung!


ARME GERECHTIGKEIT, LIEGST IM BETT UND HAST KEIN KLEID!

von Korbinian Schmidt & Franz-Xaver Mayr

Dramaturgie: Moritz von Schurer
Video: Nela Pichl
Maske: Inge Schra
Regieassistenz: Sarah Maringer
Bühnenbildassistenz: Johanna Mitulla
Es spielen: Nehle Breer, Karola Niederhuber, Nils Rovira-Muñoz, Amerlingchor

Premiere am 09. Oktober 2017


Fotos: © Marcella Ruiz Cruz.

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