Matriarchat am Mars – Nach uns das All von Sibylle Berg am Gorki Berlin

 

Ist eine bessere, gerechtere, von Frauen regierte Welt möglich? Muss man dazu erst auf den Mars fliegen? Und welchen Mann packt man dazu ein? Ein Science-Fiction Theaterabend, der gar nicht so weit ab von der Realität ist.

4 Frauen um die 30 in Raumfahrt-Anzügen betreten die Bühne. „So!“ sprechen sie alle mantra-artig im Chor und bewegen sich schwerelos über die völlig leere Bühne. Immerhin soll es auf zum Mars gehen! Europa ist in dieser Dystopie endgültig wieder in festen, faschistoiden Männerhänden, der einzig legitime Weg zur Zuwanderung ist der Geburtskanal der deutschen Frau, Anglizismen wie shitstorm heißen wieder Scheißesturm und die Todesstrafe gibt’s auch – endlich. Aber nicht alle wollen in diesem Europa leben: in einem Europa, das von einer homogenen Masse ohne Flüchtlinge, Schwule oder gar Künstler*Innen, geregelt wird.

Nicht nur der Sprechgesang und die generell musikalische Text(fläche) von Sibylle Berg lassen an Elfriede Jelinek denken. Für die Protagonistin ist „der Versuch der Demokratie gescheitert“ und sie will nicht unter Menschen leben, die „Befehle lieben, damit ihr unsicherer Gang eine Richtung bekommt“ und die „nur mit ihrem Rechner im Wohnzimmer Sex machen“ und in einer Welt in der „keiner mehr mit jemanden zusammen ist – als hätten sie sich selbst satt“.

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So! Diese Frau hat sich also bei einer Reality-TV-Show beworben, darf auf den Mars fliegen, dort eine neue (freie) Gesellschaft gründen, muss sich dazu aber einen Mann aussuchen, denn ohne Mann keine Fortpflanzung und ohne Fortpflanzung keine Gesellschaft, das gilt auch noch in der Zukunft.

So! Es werden allerlei Typen Mann eingeladen, rausgebuzzt, wenn sie nicht gefallen. Männer, die alle irgendwie „ihre selbst-Deoptimierung ausleben“. „Männer: denken, errichten und ruinieren“ und „der kleinste gemeinsame Nenner ist der Frauenhass, das geht immer“.

So! Die zur Auswahl stehenden Männer sind Blogger, Raver, Muttersöhnchen (sind sie das nicht irgendwie alle?) oder einfach Menschen, die eigentlich eh immer arbeiten, auch wenn es von Außen so aussieht als würden sie einfach nur chillen und Bier trinken.

Wie soll Frau sich da richtig entscheiden?

Der Text ist zwar keine dramatische Glanzleistung, aber kaum ein Stück war in letzter Zeit so nah am gesellschaftlichen Leben von Menschen um die 30, so witzig wenngleich auch unangenehm berührend, da eben auch wahr. Wie nah der Text an der Realität ist, zeigen auch die immer wieder eingeblendeten online-Kommentare, die tatsächlich aus Plattformen wie tinder, twitter oder auch chefkoch.de stammen – und es ist für Menschen aus „unserer hipster-öko-kultur-Bubble“ fast unerträglich, diese rassistischen, sexistischen und einfach oagen Kommentare zu lesen.


Fazit:

Ein absolut gegenwärtiger und daher wenig tröstlicher Theater-Abend. Unbedingt ansehen!

Nach uns das All – Das innere Team kennt keine Pause
Maxim Gorki Theater Berlin
Text: Sibylle Berg
Regie: Sebastian Nübling
Dramaturgie: Katja Hagedorn
Choreografie: Tabea Martin
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Ursula Leuenberger
Licht: Jan Langebartels
Besetzung: Nora Abdel-Maksoud, Knut Berger, Jonas Dassler, Suna Gürler, Svenja Liesau, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian, Mehmet Yilmaz

Foto: Ute Langkafel
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