Ahoi! — „Rudi langt‘s“ im Theater in der Drachengasse

Gestern Abend hat mich Neues Wiener Musiktheater daran erinnert, dass man eine tiefgründige und unterhaltsame Geschichte erzählen kann, ohne ein einziges Wort zu sprechen.

Als Dramatiker und Literaturkritiker fesselt mich natürlich auch die Sprache im Alltag sehr. Wenn ich mir eine Vorstellung am Theater ansehe, konzentriere ich mich gern auf den Text und darauf, was die Figuren sagen und wie sie es sagen. So vergesse ich manchmal, ohne es zu merken, dass das Rollenheft nur ein Teil des Endergebnisses, nicht immer das Wichtigste und sogar in einigen Fällen ganz verzichtbar ist. Mittels Mimik, Gestik, Klänge und vor allem wunderschön beunruhigender Musik erzählt „Rudi langt‘s“ die Geschichte eines Postboten, der wegen der technischen Fortschritte der Digitalisierung überflüssig geworden ist.

© barbara pálffy

Der Auftritt soll auf die „dadaistischen Pantomimen eines Jacques Tati oder Buster Keaton“ verweisen. Er rief mir dennoch immer wieder verschiedene Zeichentrickfilme ins Gedächtnis zurück, die ich mir als Kind angeschaut habe. Die Kammermusik, die jede Bewegung und jedes Geräusch — von Vögeln bis zu Geräten — begleitet, scheint aus einer Folge der Looney Tunes gekommen zu sein. Mit seiner schlanken Gestalt, dem verzerrtem Lächeln und seiner karikaturistischer Mimik sieht Rudi (Rudolf Widerhofer) besonders wie Wile E. Coyote aus. Und die unverständlichen Stimmen, die aus seinem Telefonhörer zu hören sind, klingen genauso wie die Stimmen, mit denen die Erwachsenen in Die Peanuts sprechen.

© barbara pálffy

Trotz all dem Spielerischen und Lustigen stellt uns dieses Musiktheater eine ernsthafte Frage: Welche Effekte übt Arbeitslosigkeit auf den Menschen aus? Und auch: Wer ist für diese Effekte verantwortlich? Die Arbeitslosen, die Technik oder die Gesellschaft als solche? Rudi hat seit langem die Post nicht zugestellt, aber er lagert sie in einem höllisch anmutenden Postlager, wo es immer Freitag 13. ist und sich die gleiche Routine wie in einem Albtraum wiederholt. Wenn ihm dieser Unsinn endlich langt, versucht er Selbstmord zu begehen, scheitert aber jedes Mal daran. So tritt Rudi eine surreale Reise an, die ihn unter anderem zum Urlaub am Strand bringt und ihn in den Kapitän eines Schiffes, während eines Gewitters auf hoher See, verwandelt. Am Ende scheint er in seiner progressiven geistigen Degeneration eine bedauernswerte Art des Friedens zu finden.


Fazit: Ein faszinierendes musikalisches Traumspiel, das die Erfahrung der Arbeitslosigkeit erkundet.


RUDI LANGT’S
Ein Musiktheater von Alexander Kukelka
noch am 13., 15., 16., 20., 21. und 22. März 2018 um 20 Uhr
Doppelvorstellung am 24.3.2018, 17 Uhr und 20 Uhr

Komposition, Buch, Regie, musikalische Leitung: Alexander Kukelka
Bühne, Kostüm: Maria Theresia Bartl
Regieassistenz: Carmen Jelovcan
Assistenz Bühne, Kostüm: Anna Salobir
Dramaturgie: Kathrin Kukelka-Lebisch
Flöte: Sabine Walter
Fagott: Robert Brunnlechner/Nikolaus Höckner
Schlagwerk, Perkussion: Kevan Teherani/Max Calanducci
Klavier: Alexander Kukelka
Es spielt: Rudolf Widerhofer


Foto: Barbara Pálffy

 

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2 Gedanken zu „Ahoi! — „Rudi langt‘s“ im Theater in der Drachengasse

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