I will always love you / Jelineks Raststätte am Werk X

Elfriede Jelinek’s grandioser Text Raststätte oder sie machens alle am Werk X, 1120. Ein Abend über die uneingeschränkte Konsumation von Lust, die Entfremdung der Menschen von der Natur und über den Sieg des Spätkapitalismus.

 

„Wer zum Schmerz nein sagt, sagt auch zur Lust nein.“

Die Uraufführung Elfriede Jelinek’s Raststätte oder sie machens alle am 5.11.1994 im Akademietheater unter der Regie von Claus Peymann wurde damals als „Pornoschwank“ angekündigt. 1995 brachte Frank Castorf die Autorin Jelinek als Sexpuppe, in seiner Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, auf die Bühne. Nun wurde das Stück am 10.4.2018 im Werk X (Theater am Arsch der Welt!) von Susanne Lietzow wieder aufgeführt. Die Themen, die hier behandelt werden, sind nach wie vor aktuell und die Pointen treffsicher.

Daher ist Lietzows Inszenierung wohl auch sehr nah am Text. Das wunderbare Bühnenbild für das 100minütige Stelldichein auf der Kärtner Raststätte wirkt gleich einer Müllhalde menschlicher Gelüste. Der Sänger Gilbert Handler leitet in Lederhose und bowieesker Manier mit Popschnulzen durch den Abend.

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„Da läßt man jahrelang nur den Sport zu sich in den Körper hinein, damit er dort eine Ausscheidung gegen sich selbst gewinnt, und prompt wird man von den Ausscheidungen anderer belästigt.“

Per Inserat haben sich zwei unbefriedigte Ehefrauen aus der Vorstadt mit zwei fremden Männern auf dem Klo dieser Raststätte verabredet. Doch die tierischen Männer, kostümiert als Elch und Bär, treffen zuvor auf die jeweiligen Ehemänner und überlassen ihnen die Kostüme. So landen die Frauen erst wieder bei ihren sportbesessenen Gatten, die sie auch unerkannt mit ihrer Mittelmäßigkeit nicht befriedigen können.

An dem düsteren, trostlosen Ort schmeißen nicht nur die Männer mit Stammtischsprüchen um sich, auch die Frauen sind da keinen Deut besser. So ist jeder Mitschuld am Elend des anderen. Am Ende – der alte Raststättenbetreiber im Stringtanga hat es von Anfang an gewusst – herrscht immer Missgunst, Neid und Grauen vor sich selbst und dem Partner. Die „Tiere“ werden, wie es sich für unsere Gesellschaft gehört, zerfleischt und von den Ehepaaren schön in sich selbst hineinkonsumiert.


Fazit: Laut, politisch, grauslich – der Text sehr nah an der Gegenwart! Ein Abend für alle über 18.

Vorstellungen am: 13.04.2018, 14.04.018, 28.05.2018 (Stückeinführung), 29.05.2018, 30.05.2018 im Werk X, 1120 Wien.
Inszenierung: Susanne Lietzow
Bühne: Peter Laher
Kostüm: Marie-Luise Lichtenthal
Musik: Gilbert Handler
Licht: Ines Wessely
Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf
Fotos: Yasmina Haddad
Mit: Sandra Bra, Isabella Szendzielorz, Gilbert Handler, Klaus Huhle, Thomas Kamper, Arthur Werner, Sebastian Klinser, Markus Mariacher
Jugendschutz! Erst ab 18 Jahren freigegeben.
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