I will always love you / Jelineks Raststätte am Werk X

Elfriede Jelinek’s grandioser Text Raststätte oder sie machens alle am Werk X, 1120. Ein Abend über die uneingeschränkte Konsumation von Lust, die Entfremdung der Menschen von der Natur und über den Sieg des Spätkapitalismus.

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White Guilt – MITLEID von Milo Rau am Volx/Margareten

„Geschichten sind Spiegel und Fenster“ (Laurie Penny) – Auf einem losen Kleiderhaufen erzählt eine weiße Schauspielerin vom Völkermord in Rwanda. Ich hasse, wie sie über ihre Erfahrungen als junge NGO-Mitarbeiterin mitten im Kriegsgetümmel spricht. Ich bin tief berührt von der Ehrlichkeit des Spiels. Mit großem Respekt vor dieser Arbeit von Anja Herden und Alexandru Weinberger-Bara darf ich Sie in den 5. Bezirk einladen.

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First Aid Arts Training

From June 22nd – 25th 2016 I attended an advanced training that educated social workers on the effects of traumatic experiences and on the possibilities of  trauma-informed multimodal arts-based interventions. I wouldn’t have been able to attend the training if it wasn’t for Michael from First Aid Arts who organized three scholarships for me and my co-workers at HOME. This is a thank-you-write-up. Thank you so much! The First Aid Arts training was eye-opening and life-changing.
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My Berlinale 2016

12688039_10206184369867960_2322840628111632893_nUnfortunately, this year  I couldn’t clear out more than one solitary day for the Berlinale Film Festival. Big thumps up to my friend’s and my time management skills though: We managed to see five movies before we had to catch that 8 am flight back to Vienna.

I hope all the films we saw are gonna make it to the theaters. Surely, „Die Geträumten“ („The Dreamed Ones“) will be shown at Diagonale Film Festival in Graz, Austria (program release today!). „Dubina dva“ („Depth Two“) feels like it could be part of this year’s Crossing Europe Film Festival (Linz, Austria. program release early April). And I sincerely wish I could see „Triapichniy Soyuz“ („Rag Union“) again and again and again and again. Actually, I wanna put it on my wall to watch it every day.*

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Bundesländer Krimi im ORF

DER TOTE AM TEICH. Buch: Susanne Freund. ORF, 2015.

Von Clara Gallistl

Mir hat das Konzept von Bundesländer-Krimis, die auch gezielt mit Teams aus den jeweiligen Ländern arbeiten, von Anfang an gut gefallen. Jetzt hab ich mir gemeinsam während meines Großmutterbesuchs den ersten Film der Reihe in klassischer Fernsehsituation angesehen: mit Zeit für Harmonie-Tee, Decke über den Beinen, kleinen Lampen in den Ecken des warmen Zimmers, Teppich am Boden, Bild an der Wand, Fernseher auf Holztischerl in der Ecke. Fernsehen als sozialer Ort der Entspannung, des Heimatgefühls, der Familie. Das hat für mich an diesem Abend tadellos funktioniert.

Gewusst, dass ich über den Toten am Teich schreiben will, habe ich an diesem Punkt im Film:

Jetzt hat die junge Polizistin (Miriam Fussenegger) versehentlich dem schirchen Perchten einen Zahn ausgeschlagen, weil sie sich gefürchtet hat. Davor hat schon die Hauptkommissarin (Maria Hofstätter) die Perchten einfach mit Lachen begrüßt und ist zwischen ihnen durch- und weitergegangen.

Das Dorfleben wird praktisch von Frauen bespielt. Die Männer sitzen gemeinsam am Ecktisch im Dorfwirtshaus, trinken Bier und schauen debil vor sich hin. Der ehemalige Postbeamte richtet der Hauptkommissarin in einem Leerstand eine Polizeistation ein. In Einrichtungsfragen kommt er immer wieder auf seine Frau zu sprechen und zwar mit den einleitenden Worten:

“P’frau hot g’sogt…”

oder

“P’frau hot g’mannt…”

Wie zurückhaltend Josef Hader (ein Ex-Polizist, der ein bisschen mitermittelt, obwohl er privat in alles involviert ist) neben Hofstätter spielt, wie gut Erni Mangold (als seine Mutter) mit Hader harmoniert. Wie unaufdringlich Hofstätter sich neben ihrer weniger bekannten Polizeipartnerin verhält. Das Ensemble scheint wirklich Spaß am Spiel zu haben. Es ist eine Freude, da zuzusehen.

Das Oberösterreichische wird hier dargestellt, nicht ausgestellt. Sympathisch, humorvoll und trotzdem kritisch zeigt das Buch eine Dorfgemeinschaft, die ich als Oberösterreicherin als oberösterreichisch identifiziere. Authentisch und auf hohem Niveau das Schauspiel der Protagonist_innen. So soll österreichisches Fernsehen. Ich hatte einen schönen Fernsehabend!

Protokolle der Wut

DIE PROTOKOLLE VON TOULOUSE. Valentin Werner. Werk X – Eldorado, Wien.
 
27.11.2015
Von Clara Gallistl
 

Holzbarrikaden und ein schwarz gekleideter Mann. Laute Schüsse von hinten. Sie erschrecken mich nur kurz, weil ich gar nicht darauf vorbereitet war. Ich bin angespannt aufgrund des anhaltenden Schießens.

Vor den Barrikaden betet der Mann (Mohammed) nach islamischem Ritus. Ist er drinnen oder draußen? Hinter der Barrikade erscheint eine Person mit schwarzer Sturmhaube und Gewehr.

Ist er Terrorist oder Polizist?

Ich bin erleichtert, weil die Schüsse und die Präsenz des Gewehrs jetzt vorbei sind und ich mir endlich die Person, den Menschen vor mir und vor den Barrikaden (schön! von Sarah Sassen #sarahsassenfangirl) ansehen kann.

Wie er “Allah” ausspricht. So glottal. Da krieg ich Gänsehaut. Es ist keine oarge Gänsehaut. Nicht unbedingt. Diese physische Reaktion hatte ich auch bei einem Kunstwerk in der Political Populism-Ausstellung in der Kunsthalle Wien und wenn Zabi, ein Freund aus Afghanistan, mit mir in Dari spricht. Es ist so ein körperverbundenes Sprechen, oder wie soll man da sagen?

Wieso sprechen/spielen die beiden so statisch? Ich dreh mich kurz um, mit der Vermutung, dass hinter mir ein Teleprompter hängt, von dem abgelesen wird. Obwohl es Polizeiprotokolle sind, die gesprochen werden, habe ich den Eindruck, der Text ist unauthentisch.

Der Polizist nennt die Radikalisierung des Attentäters wertneutral “intellektuellen Werdegang”. Find ich gut. Im Anliegen, etwas verstehen zu wollen, wertneutral an eine Sache herangehen.

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Ibsen-Stone-Burg:heart

“JOHN GABRIEL BORKMAN”, Simon Stone, Burgtheater Wien – Akademietheater, eine Produktion der Wiener Festwochen 2015.
23.11.2015
Von Clara Gallistl

 

  • Arg ausverkauft, viel künstlerisches Burgtheater-Personal im Publikum. Das will was heißen.
  • Der neonblaue Vorhang geht auf und es schneit. Schön, Stille.
  • Ich glaub, man muss Theater wirklich phantasieren und erst in einem zweiten Schritt an die Bühne denken. Ich würde gern wissen, wie Simon Stone an sowas herangeht. Bevor er zur Leseprobe geht oder das erste Treffen mit der Ausstattung hat. Phantasiert er sich Räume frei? Oder Farben? Gefühle? Gerüche?
  • Birgit Minichmayr redet so schnell. Das ist so geil.
  • Die Textfassung ist SUPER !!! Konzise, eng, prägnant und dabei locker, leicht, jetzt-zeitig. Ned deppad. Bei so Texten wie denen von Ibsen muss man wirklich nicht texttreu bleiben. Das kann man ruhig neu schreiben. Stifter neu schreiben wär spannend, denk ich mir. Vielleicht mach ich das mal.
  • Alles, was am Boden liegt, verschwindet im Schnee. Die Bühne bewegt sich scheinbar vertikal nach unten – durch den Schnee. Es schneit unaufhörlich.

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Rüstzeug Hamlet

“DIE HAMLETMASCHINE”, Christina Tscharyiski, Burgtheater Wien – Vestibül.
14.11.2015
Von Clara Gallistl


  • Ich bin im Kunsthistorischen Museum am Burgring. So sieht das hier aus. Schön. Eine elegante, dunkelgrüne Wand, an der das Objekt fehlt. Nur die Beschreibung des Kunstwerks ist vorhanden. Davor eine Absperrkordel, auch elegant. Daneben ein Sockel, auf dem eine bronzefarbene Rüstung liegt, also der Schulterteil davon. Ein Schulterpanzer.
  • Ignaz Kirchner steht auf und haut alles um. Ich hab mich geschreckt, muss lachen. Der Kirchner. Dieses gebildete, frei gespielte Kind im alten Mann. Er zeigt Europa den Mittelfinger. Leider sehe ich ihn schlecht, wenn er auf der Bühne sitzt. Ich sitze in der fünften Reihe, die Bühne ist nicht erhöht.
  • Jaja, der Kirchner kann mir alles erzählen. Ich lächle in mich hinein. Er ist in jedem Satz, jeder Bewegung, in jedem Moment seines Spiels so anwesend, dass es mich hineinzieht in seine Performance. Ich sitz dann nicht mehr im Publikum. Ich bin dann nicht mehr eine Person, die zuschaut. Ich bin dann nur mehr Schauen und die Wahrnehmung, die ich hab von dem, was ich seh.

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Missverständliches Gender Bending

„Das missverständnis“, Nikolaus habjan, volkstheater Wien.
09.11.2015
Von Clara Gallistl

  • Das Bühnenbild steht ausdrucksstark im Bühnenraum. Der Eingangsbereich einer Pension in Schieflage. Auf dem Flachdach ein Puppenhaus, das nach und nach von innen erleuchtet wird. Stimmen aus dem Off über Public Adress Speakers. Alles wirkt wie in der Graphic Novel von “L’Ètranger”, die ich mir im Sommer aus dem Frankreichurlaub mitgenommen hab. Cool!
  • Bin gespannt! Existenzialistisches Theater ist im besten Fall so dicht, dass man gar nicht aus kann. Eine Tragödie im antiken Sinn, eine gebundene Handlung, die so verlaufen muss, wie sie verläuft.

Es gibt keinen Ausweg. Das zu sehen ist hart: Das Geworfensein und die Unausweichlichkeit.

  • Natürlich kann man auch spannend gegen die angelegte Lesart inszenieren. Ich freu mich auf den Moment, wenn die Katastrophe eingetreten ist und die beiden Frauen erkennen, dass sie ihren Sohn/Bruder ermordet haben. Dieser Moment hat das Potenzial schauspielerisch zu glänzen.

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