early Handke (female, 2016)

Die Selbstbezichtigung. Volkstheater Wien im Volx/Margareten. Regie: Dusan David Parizek, Text: Peter Handke.
8. Februar 2016

Stefanie Reinsperger und Dusan David Parizek, ich liebe euch dafür, dass ihr meinen Handke wirklich ins Jahr 2016 geholt habt. Eure kritische und feministische Überarbeitung hat den Text aus dem historischen Kontext (70er, weiß/männlich) gelöst und heutig, weiblich wiederbelebt. Danke dafür! Danke!

Vorweg muss ich, glaub ich, sagen, dass ich mich die zweite Hälfte meines Studiums (also die wichtige) fast ausschließlich mit Peter Handke beschäftigt habe. Ich habe über „Wunschloses Unglück“ geschrieben und alles gesehen, was man sehen kann auf Film und im Theater. Ich habe eine Diplomarbeit über Väterfiguren in Handke-Texten begonnen und eine Diplomarbeit über Handke-Theater beendet. Möglicherweise bin ich etwas vorbelastet, wenn ich in den Fünften (Wiener Gemeindebezirk) fahre um die „Selbstbezichtigung“ zu sehen.

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Migration als flaues Gefühl im Magen

doyçlender: almanci von Aslı Kişlal (Text: Emre Akal)
Werk X (Koproduktion mit diverCITYLAB und daskunst)
18. Jänner 2016.

Von Clara Gallistl


Gmiatlich: Während wir (das Publikum) den Raum betreten, sind Alev Irmak und Daniel Keberle bereits auf der Bühne. Sie begrüßen Teile des Publikums namentlich, das wirkt sehr heimelig. Ich fühl mich direkt wohl.
Eine körnige, graublaue Projektion an der hinteren Wand. Vorne rechts ein alter Röhrenfernseher, der ein Video abspielt: aus den 70ern? Eine blonde Frau. Ein Konzert? Tonlos. Ich erinnere mich an Can Sungus Videoinstallation “Replaying Home” (2013), die letztes Jahr beim paraflows festival zum Thema ‚Digital Migration‘ ausgestellt wurde.
Jetzt starrt mich Tim Breyvogel aus einem überbelichteten Video an.

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Theater Workshop am Sportgymnasium Maria Enzersdorf

Stolz und Zufriedenheit vermute ich da schon in den Blicken mancher Schüler_innen, als ich sie nach den Vorstellungen ihrer Inszenierungen im Detail kritisiere. Während die Verbesserungsvorschläge meist mit einem zustimmenden Nicken angenommen werden, zaubern sich bei trockenem Lob vereinzelte Grinser auf die Gesichter der Schüler_innen. Das freut mich natürlich. Das war mein Ziel: die emotionale, sprachliche und soziale Entwicklung von Heranwachsenden fördern, durch Selbsterfahrung und professionelle, konstruktive Kritik.

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Protokolle der Wut

DIE PROTOKOLLE VON TOULOUSE. Valentin Werner. Werk X – Eldorado, Wien.
 
27.11.2015
Von Clara Gallistl
 

Holzbarrikaden und ein schwarz gekleideter Mann. Laute Schüsse von hinten. Sie erschrecken mich nur kurz, weil ich gar nicht darauf vorbereitet war. Ich bin angespannt aufgrund des anhaltenden Schießens.

Vor den Barrikaden betet der Mann (Mohammed) nach islamischem Ritus. Ist er drinnen oder draußen? Hinter der Barrikade erscheint eine Person mit schwarzer Sturmhaube und Gewehr.

Ist er Terrorist oder Polizist?

Ich bin erleichtert, weil die Schüsse und die Präsenz des Gewehrs jetzt vorbei sind und ich mir endlich die Person, den Menschen vor mir und vor den Barrikaden (schön! von Sarah Sassen #sarahsassenfangirl) ansehen kann.

Wie er “Allah” ausspricht. So glottal. Da krieg ich Gänsehaut. Es ist keine oarge Gänsehaut. Nicht unbedingt. Diese physische Reaktion hatte ich auch bei einem Kunstwerk in der Political Populism-Ausstellung in der Kunsthalle Wien und wenn Zabi, ein Freund aus Afghanistan, mit mir in Dari spricht. Es ist so ein körperverbundenes Sprechen, oder wie soll man da sagen?

Wieso sprechen/spielen die beiden so statisch? Ich dreh mich kurz um, mit der Vermutung, dass hinter mir ein Teleprompter hängt, von dem abgelesen wird. Obwohl es Polizeiprotokolle sind, die gesprochen werden, habe ich den Eindruck, der Text ist unauthentisch.

Der Polizist nennt die Radikalisierung des Attentäters wertneutral “intellektuellen Werdegang”. Find ich gut. Im Anliegen, etwas verstehen zu wollen, wertneutral an eine Sache herangehen.

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Ibsen-Stone-Burg:heart

“JOHN GABRIEL BORKMAN”, Simon Stone, Burgtheater Wien – Akademietheater, eine Produktion der Wiener Festwochen 2015.
23.11.2015
Von Clara Gallistl

 

  • Arg ausverkauft, viel künstlerisches Burgtheater-Personal im Publikum. Das will was heißen.
  • Der neonblaue Vorhang geht auf und es schneit. Schön, Stille.
  • Ich glaub, man muss Theater wirklich phantasieren und erst in einem zweiten Schritt an die Bühne denken. Ich würde gern wissen, wie Simon Stone an sowas herangeht. Bevor er zur Leseprobe geht oder das erste Treffen mit der Ausstattung hat. Phantasiert er sich Räume frei? Oder Farben? Gefühle? Gerüche?
  • Birgit Minichmayr redet so schnell. Das ist so geil.
  • Die Textfassung ist SUPER !!! Konzise, eng, prägnant und dabei locker, leicht, jetzt-zeitig. Ned deppad. Bei so Texten wie denen von Ibsen muss man wirklich nicht texttreu bleiben. Das kann man ruhig neu schreiben. Stifter neu schreiben wär spannend, denk ich mir. Vielleicht mach ich das mal.
  • Alles, was am Boden liegt, verschwindet im Schnee. Die Bühne bewegt sich scheinbar vertikal nach unten – durch den Schnee. Es schneit unaufhörlich.

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Rüstzeug Hamlet

“DIE HAMLETMASCHINE”, Christina Tscharyiski, Burgtheater Wien – Vestibül.
14.11.2015
Von Clara Gallistl


  • Ich bin im Kunsthistorischen Museum am Burgring. So sieht das hier aus. Schön. Eine elegante, dunkelgrüne Wand, an der das Objekt fehlt. Nur die Beschreibung des Kunstwerks ist vorhanden. Davor eine Absperrkordel, auch elegant. Daneben ein Sockel, auf dem eine bronzefarbene Rüstung liegt, also der Schulterteil davon. Ein Schulterpanzer.
  • Ignaz Kirchner steht auf und haut alles um. Ich hab mich geschreckt, muss lachen. Der Kirchner. Dieses gebildete, frei gespielte Kind im alten Mann. Er zeigt Europa den Mittelfinger. Leider sehe ich ihn schlecht, wenn er auf der Bühne sitzt. Ich sitze in der fünften Reihe, die Bühne ist nicht erhöht.
  • Jaja, der Kirchner kann mir alles erzählen. Ich lächle in mich hinein. Er ist in jedem Satz, jeder Bewegung, in jedem Moment seines Spiels so anwesend, dass es mich hineinzieht in seine Performance. Ich sitz dann nicht mehr im Publikum. Ich bin dann nicht mehr eine Person, die zuschaut. Ich bin dann nur mehr Schauen und die Wahrnehmung, die ich hab von dem, was ich seh.

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