Mit traurigem Ernst – Hanna Binder spielt Charlie Manson

„Im Auftrag Charles Mansons“ feiert Premiere an dem Tag, an dem Charles Manson stirbt. Mit unheimlich großen, schwarzen Augen lädt Hanna Binder ein, im Werk X – Eldorado (Petersplatz) in die Abgründe des menschlichen „freien Willens“ zu blicken. Der Abend ist die Reise wert.

Achtungsetzdich! und das Werk X kooperieren in einer Stückentwicklung, die drei Frauen aufs Podest holt. Charles Manson wird zwar als Massenmörder in die Geschichte eingehen. Doch die Morde beging nicht er – sondern seine „family“. Wie kann ein Mann andere derart manipulieren? Diese Frage lag am Ursprung der Stückentwicklung, in die Originaltexte ebenso wie neu Geschriebenes einfloss. Hanna Binder spielt überzeugend den Sektenanführer Charlie, der von seiner „family“ gefürchtet wie angebetet wird.

manson01Zu Beginn weiß ich nicht so recht, wo ich bin – einem halbinspirierten Hippie-Traum aus Pappmarché und „beweglichen Elementen“? Doch dann nimmt Hanna Binder die Füße von Henrietta Rauth zu lecken, und hineinzubeissen. Schnell wird aus lustig sexy, aus sexy Ernst und aus Ernst Angst. Man lacht noch drüber, aber der Scherz ist längst verflogen. Hanna Binder hat narzistische Manipulation studiert.

manson03.jpgMit tiefer Stimme und maskulinem Habitus nimmt sie die Führungsrolle ein. Sie erschafft die Identitäten der Frauen neu, die ihm – Charlie – in die Fänge geraten. Das Regieduo Leitner/Werner stellt konsequent die drei Frauen aus. Einzeln stehen sie gut ausgeleuchtet auf ihren Podesten und geben Statements ab. Sie fühlen sich „schön und geliebt“ und sind der Überzeugung „Jesus“ vor sich zu haben.

In Teils leider schwer verständlichen Verschwörungstheorietiraden hämmert Hanna Binder nicht nur auf die drei Frauen, sondern auch auf das Publikum ein. Auch wir sind Teil ihrer „family“ auf der „Range“, am Weg ins Death Valley, um den von Manson prophezeiten ‚Rassenkrieg‘ „helter skelter“ zu überleben.manson06

Auf Beatles-Spirit-Unterlage wird der Alltag der Range anzitiert. Gitarre, Gewalt, Liebe, Drogen, Sex und satanistische Indoktrinierung stehen an der Tagesordnung. Wer möchte, kann sich vorstellen wofür Zeitungspapier, Knisterkaugummi, Malfarben und Messer stehen. Mit traurigem Ernst züchtigt Hanna Binder ihre drei Mitspielenden, erhebt sie auf die Stufe eines geliebten Subjekts und wirft sie nieder mit der Gewalt eines grenzenlosen Caligula. Braucht der freie Wille Grenzen? Die Unberechenbarkeit Charles Mansons wirkt auf mich im Publikum ein. Ich weiß nicht mehr, wann er wo wie auftauchen wird. Wann er zu schreien beginnt und wann er süß und liebevoll spricht.

Beeindruckend changiert Hanna Binder zwischen grollenden und sanften Stimmen. Zwischen klaren Worten und abstrusen Verschwörungstheorien. Zwischen positivem Hippie-Vibe und unmenschlicher Härte. Zwischen Verkörperung des irren Bösen und ironischer Distanzierung zwischen Schauspielerin und Rolle.

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Lustvoll beobachtet man neben Binder, die das Publikum in den Bann zu prügeln weiß, auch Naemi Latzer, die mit klebrigem Blick das Publikum mustert. Die sympathische, junge Frau (Michaela Schausberger )auf der Suche nach Anerkennung und Liebe erzählt, dass Sterben wie ein Orgasmus sei und man Liebe nur durch Schmerz und Angst finden könne. Ihre Gesichtsmuskeln deuten Glück an, während die Augen die Verletzung nicht verbergen können.

Die gewalttätige Naivität, die dichten, unauthentischen Emotionen – Naemi Latzer weiß das Sektenhafte in den Blick zu nehmen. Gruselig faszinierend ist der Blick in ihre Augen.

Dieser Blick, diese Morde – Charles Manson’s family bildet gemeinhin das Ende des Experiments der 1960er Jahre. Wenige Handgriffe hätten noch gefehlt, um die ideale Form für die Bühne zu finden. Aber auch so ist „Im Auftrag Charles Mansons“ die Reise in den Ersten Wiener Gemeindebezirk wert.

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Fazit: „Im Auftrag Charles Mansons“ ist ein Trigger, der Erinnerungen an reflexartige Unterwerfungen weckt. In mir kamen physisch gespeicherte Emotionen hoch, die mich von außen begreifen ließen, wie Macht funktioniert. Und wie sehr sich das Patriarchat mittels Verunsicherung und Verfügbarmachung in Körper und Geist einschreiben kann – wenn man es lässt.

IM AUFTRAG CHARLES MANSONS
Eine Stückentwicklung von achtungsetzdich! und dem Ensemble
Uraufführung
Eine Produktion von achtungsetzdich! in Kooperation mit WERK X
Inszenierung: Ursula Leitner & Valentin Werner
Mit: Hanna Binder, Naemi Latzer, Henrietta Isabella Rauth und Michaela Schausberger
Bühne/Kostüm: Sarah Sassen
Musik: Lars Völkerling
Regieassistenz: Christina Ulrich
Ausstattungsassistenz: Magdalena Lenhart

Fotocredit: © Nicole Viktorik

„Ich habe keine Sekte unter der Führung einer Frau gefunden.“ Ursula Leitner über „Im Auftrag Charles Mansons“

Charles Manson – Musiker, Serienkiller und Liebhaber. Kann man das so zusammenfassen? Achtungsetzdich hat mit den Schauspielerinnen Hanna Binder, Naemi Latzer, Henrietta Isabella Rauth und Michaela Schausberger ein Stück über die Faszination des Bösen, dem Männlichen im Sektenhaften und dem Drang nach Aufmerksamkeit entwickelt. Heute feiert „Im Auftrag Charles Mansons“ im Eldorado am Petersplatz Premiere. Die Regisseurin Ursula Leitner kommt vom Burgtheater und nimmt für diese Produktion die Kostüm/Bühnenbildnerin Sarah Sassen und den Musiker Lars Völkerling mit.

IM AUFTRAG CHARLES MANSONS

ab heute im Werk X – Eldorado.

Der gemeinsame Traum vom alten Wien – „Ja, eh!“ von Voodoo Jürgens & Stefanie Sargnagel

Das für sein Kabarett-Programm bekannte Theater Rabenhof in Wien hat Voodoo Jürgens Lieder und Stefanie Sargnagel Texte in einen sexy-grindigen Abend verpackt. Wo ein spannender ästhetischer Bruch die Renaissance des Alt-Wiener Volkstheaters einläuten hätte können entsteht ein inhaltlich angereichertes Live-Konzert. „Was für Fans und solche, die es werden wollen.“

weitere Termine: April 25., 26. I Mai 12., 22., 23.

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Protokolle der Wut

DIE PROTOKOLLE VON TOULOUSE. Valentin Werner. Werk X – Eldorado, Wien.
 
27.11.2015
Von Clara Gallistl
 

Holzbarrikaden und ein schwarz gekleideter Mann. Laute Schüsse von hinten. Sie erschrecken mich nur kurz, weil ich gar nicht darauf vorbereitet war. Ich bin angespannt aufgrund des anhaltenden Schießens.

Vor den Barrikaden betet der Mann (Mohammed) nach islamischem Ritus. Ist er drinnen oder draußen? Hinter der Barrikade erscheint eine Person mit schwarzer Sturmhaube und Gewehr.

Ist er Terrorist oder Polizist?

Ich bin erleichtert, weil die Schüsse und die Präsenz des Gewehrs jetzt vorbei sind und ich mir endlich die Person, den Menschen vor mir und vor den Barrikaden (schön! von Sarah Sassen #sarahsassenfangirl) ansehen kann.

Wie er “Allah” ausspricht. So glottal. Da krieg ich Gänsehaut. Es ist keine oarge Gänsehaut. Nicht unbedingt. Diese physische Reaktion hatte ich auch bei einem Kunstwerk in der Political Populism-Ausstellung in der Kunsthalle Wien und wenn Zabi, ein Freund aus Afghanistan, mit mir in Dari spricht. Es ist so ein körperverbundenes Sprechen, oder wie soll man da sagen?

Wieso sprechen/spielen die beiden so statisch? Ich dreh mich kurz um, mit der Vermutung, dass hinter mir ein Teleprompter hängt, von dem abgelesen wird. Obwohl es Polizeiprotokolle sind, die gesprochen werden, habe ich den Eindruck, der Text ist unauthentisch.

Der Polizist nennt die Radikalisierung des Attentäters wertneutral “intellektuellen Werdegang”. Find ich gut. Im Anliegen, etwas verstehen zu wollen, wertneutral an eine Sache herangehen.

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Rüstzeug Hamlet

“DIE HAMLETMASCHINE”, Christina Tscharyiski, Burgtheater Wien – Vestibül.
14.11.2015
Von Clara Gallistl


  • Ich bin im Kunsthistorischen Museum am Burgring. So sieht das hier aus. Schön. Eine elegante, dunkelgrüne Wand, an der das Objekt fehlt. Nur die Beschreibung des Kunstwerks ist vorhanden. Davor eine Absperrkordel, auch elegant. Daneben ein Sockel, auf dem eine bronzefarbene Rüstung liegt, also der Schulterteil davon. Ein Schulterpanzer.
  • Ignaz Kirchner steht auf und haut alles um. Ich hab mich geschreckt, muss lachen. Der Kirchner. Dieses gebildete, frei gespielte Kind im alten Mann. Er zeigt Europa den Mittelfinger. Leider sehe ich ihn schlecht, wenn er auf der Bühne sitzt. Ich sitze in der fünften Reihe, die Bühne ist nicht erhöht.
  • Jaja, der Kirchner kann mir alles erzählen. Ich lächle in mich hinein. Er ist in jedem Satz, jeder Bewegung, in jedem Moment seines Spiels so anwesend, dass es mich hineinzieht in seine Performance. Ich sitz dann nicht mehr im Publikum. Ich bin dann nicht mehr eine Person, die zuschaut. Ich bin dann nur mehr Schauen und die Wahrnehmung, die ich hab von dem, was ich seh.

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