Theater als Spielraum und Archiv [note on: IDEAL PARADISE clash]

Ich bin in beruflich in Graz als ich eingeladen werde, mir „IDEAL PARADISE clash“ des theatercombinats im tanzquartier anzusehen. Da mich praktisch alles interessiert, was an performativer Kunst in der Welt geschaffen wird – vor allem aber Arbeiten, die neue Formen ausprobieren – freue ich mich sehr über die Einladung und fliege direkt vom neuen Hauptbahnhof ins Museumsquartier, wo ich zur Generalprobe von einer Kollaborateurin des theatercombinats in einen Saal geleitet werde.

Performance kann man nicht wie Sprechtheater kritisieren. Zwar könnte ich meine Kritik auch der Aufteilung Regie, Dramaturgie, Schauspiel, Text, Kostüm und Bühne folgen lassen. Aber ich habe den Eindruck, während einer performance passiert mit mir als Zuschauerin etwas anderes als im Sprechtheater. Ich versuche, meine Gedanken zu dem, was ich in etwas mehr als zwei Stunden in der Halle G des MQs erlebt habe, zu Papier zu bringen. (zu Bildschirm klingt ja blöd)

Zwischen Dynamik und Sicherheit. Ein Abend mit dem theatercombinat

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Es gibt ein unten und es gibt ein oben. Ich muss mich entscheiden ob ich Stadt oder Museum sein will oder es wird für mich entschieden. Ich entscheide mich für Museum weil ich müde bin und Museum nach Sitzen und Zuschauen klingt. In der Stadt bewegen sich Menschen. Mir fällt auf, sie bewegen sich in ähnlichen Bewegungen und halten ihre Körper in ähnlichen Gesten. Text wird auf zwei Leinwänden projiziert. Es geht um Museum und Stadt und um Theater als Archiv. Ich hätte den Text gern, will mitschreiben, ihn mit nachhause nehmen. Wie oft in Theaterstücken hätte ich gern die Materialmappe bzw. Bibliographie der Arbeit. Performer_innen bewegen sich – wie Zombies? Die Kopfhörer machen etwas mit ihnen, gegen das sie sich zu wehren versuchen. Ich verstehe nicht, was das ist, was zwischen dem nur von ihnen Gehörten und ihnen passiert.

Unten – in der Stadt – ist ein Glitzervorhang, den ich berühren will. Außerdem will ich mich plötzlich doch bewegen. „Versuchsanordnung“ hat Claudia Bosse das Ganze in ihrer Einleitung zu Beginn genannt. Dann werd ich mich schon frei bewegen dürfen, denke ich. Ich frage eine Frau von der Produktion, ob ich runter darf und sie zeigt mir den Weg. Als ich unten reinkomme sprechen die Performer_innen. Ich geh zu dem Vorhang, den ich berühren wollte und verstehe erst nach einer Zeit, dass es im gesprochenen Text um den Nationalsozialismus geht. Ich schäme mich kurz, weil ich nur den Glitzervorhang im Kopf hatte. Vom Text den die Darsteller_innen sprechen verstehe ich nicht viel, sie sprechen nicht so deutlich wie ich es mir vom Sprechtheater gewohnt bin. Zudem scheinen mir die Sprechtexte nicht klimatisch strukturiert. Sie folgen nicht einer dramatischen Anordnung, es ist mehr in willkürlicher Reihenfolge offen gelegtes Textmaterial. Es baut sich nichts auf. Es läuft so dahin, das Sprechen. Ich schweife ab. Ich lege mich auf den Rücken hinter meinen Vorhang und höre nur dem Text zu. Das ist schön. Sie reden auch gleichzeitig und ich glaube, sie sagen jetzt laut was sie im Kopfhörer hören. An manchen Punkten sprechen sie zwar, aber sagen nichts. Sie stottern, unterbrechen sich, geben Geräusche von sich. Ich finde die Sprachverlustthematik am Theater langweilig. Ich sehe mich danach, im Theater jemanden zu sehen, der_die eine Sprache gefunden hat. Verloren hab ich sie ja selbst – in der Überforderung des 21. Jahrhunderts, die wir alle spüren.

IDEAL PARADISE clash _Claudia Bosse / theatercombinat from theatercombinat on Vimeo.

Ich gehe wieder nach oben. Dort schreibt ein Autor live an einem Tisch. Er tippt und was er tippt wird sofort über einen Beamer auf den Boden projiziert. Das ist eigenartig intim. Er kommt mir mächtig und schutzlos zugleich vor. Ich stehe neben ihm eine Zeit solange es mir angenehm ist. Zu Beginn habe ich das Gefühl, ich stehe schützend neben ihm, dass wir eine Gemeinschaft sind, und es ok ist, dass ich ihm so nahe bin. Nach ein paar Minuten komme ich mir wie ein Eindringling vor, empfinde mich störend und gehe wieder zur Brüstung nach vor, um in die Stadt hinunterzublicken.

Dort wird so viel Material herumgeworfen. Ich freue mich darüber, möchte mitmachen, will aber gleichzeitig die Matten und Decken herumwerfenden Performer_innen nicht stören. Wie frei darf sich das Publikum einer partizipativen Performance wirklich bewegen? Dürfte ich auch herumschreien und die Performer_innen berühren?

Es ist ein Spielraum. Theater sollte vor allem das sein: ein Raum, in dem gespielt wird, denke ich.

Am Ende ein Sich-Nicht-Klatschen-Trauen-Weil-Nicht-Wissen-Ob.

Manchmal habe ich ein bisschen den Faden verloren und irgendwann nicht mehr gewusst, wie ich sitzen/liegen/stehen soll. Und: Ich hätte gern nach dem Ende mit dem Team ein bisschen darüber diskutiert, wie sie diese gemeinsame Arbeit erlebt haben. So hat man mitgemacht, bei einem Experiment, und geht raus und weiß nicht, was man grad gemacht hat. Eine Auflösung wäre schön gewesen. Hat jemand von euch IDEAL PARADISE clash gesehen und dazu eine andere Meinung? Würde mich sehr interessieren, wie es euch damit gegangen ist.

Alles Liebe,

Clara

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2 Gedanken zu „Theater als Spielraum und Archiv [note on: IDEAL PARADISE clash]

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