FOKUSMONAT BURGTHEATER – die hockenden

Wie Kinder vor einem Kasperltheater sitzt man da in diesem warmen Mutterleib; nette Musik, Gekicher im jugendlichen Publikum vor mir. Ich: beeindruckt vom super poetischen Text, etwas genervt von der Inszenierung. – Zum Auftakt unseres FOKUSMONAT BURGTHEATER waren wir jetzt endlich in „die hockenden“ von Miroslava Svolikova.

weitere Termine: 10. und 29. Jänner / 26. Februar / 5. März.

Leider nehme ich den Text, der zu Beginn aus einem Lautsprecher kommt, nicht wirklich wahr, weil die beiden Kinder in der Mitte so deutlich „witzige“ Pantomime spielen, dass man ihnen folgt, sie beobachtet und den Text, dessen Sprache poetisch-abstrakt und eben nicht einfach-konkret ist, links liegen lässt. Zumindest solange, bis Branko Samarovski die beiden Kinder und damit auch uns zum Stillsein und Zuhören ermahnt. Während des Stückes habe ich meine Gedanken mitnotiert. Hier das Protokoll:

  • Es ist so eng hier. Ich sitze Schulter an Schulter mit einem älteren Herrn und einer älteren Frau. Die Regieassistentin sagt mir, die Stuhl-Sitzplätze sind eigentlich nur für ältere Personen. Aber ich bin müde und mag nicht ohne Lehne am Boden kauern. Gottseidank braucht niemand meinen Platz (ja, ich hab ihn aktiv angeboten).
  • Schade, dass Tino Hillebrand und Laurence Rupp die vierte Wand durchbrechen. Sie spielen das Publikum an. Rupp gibt vor, mit einem jungen Herren aus dem Publikum in einen Kampf treten zu wollen. Ich bin so abgelenkt, dass ich dem Text, der aus der Dose kommt, nicht wirklich folgen kann.
  • Mich ärgert etwas, dass die beiden Kinder so deutlich den Fokus für sich beanspruchen. Vielleicht bin ich voreingenommen, weil ich mich speziell auf den Text gefreut habe, aber ich habe den Eindruck, ihr Spiel ist zu dick aufgetragen. Respektlos dem Text gegenüber.

Schön ist dagegen, wir Branko Samarovksi dem Text aus dem Lautsprecher zuhört. Da hör ich auch gern zu, mit ihm.

  • Hahaha. Die Kinder denunzieren einen, der an die Wand einer Kneipe gepinkelt hat. Das ist lustig. Wie zwei alte Leute, denen ein bisschen fad ist, und die aus ihrem Fenster heraus etwas beobachtet haben. ❤
  • Wenn die Kinder ein bisschen weniger blöd reden würden, wär’s wirklich richtig lustig.
  • Ich verstehe die Choreographie, die Marcus Kiepe durchführt, nicht. Was macht der da? Er fährt gegen die Wand, läuft herum, salutiert, fällt um, steht wieder auf. Na gut.
  • Ich freu mich sehr über Samarovskis Passagen. Ich höre ihm sehr gerne zu. Er lässt den Text zu Wort kommen. Besonders gefällt mir die Normalität, die Unaufgeregtheit, die er in die Figur legt.
  • Ah!! Wie richtig, richtig deppade Kinder reden Hillebrand und Rupp jetzt. Das regt mich auf!
  • Im Bühnenbild stehen mehrere Puppen (Sissi, Conchita Wurst, Niki Lauda, Arnold Schwarzenegger, Hitler, Freud). Wieso ist es nötig, den Ort so deutlich als Österreich zu markieren? In dem Text geht es nicht nur um Österreich. Da geht es auch um Deutschland, Frankreich, England. Es geht um eine Mentalität des Kleben-geblieben-seins und Sich-nicht-befreien-könnens. Das ist überall.
  • Es genügt wirklich, dass die zwei Kinder so klein sind und nur Köpfe auf Puppenkörpern. Das ist lustig genug. Da muss man sich nicht noch ständig die Finger in den Mund stecken und an den Lippen kauen und quasi den Sabber aus dem Mund rinnen lassen. Wie verzogene Kindergarten-Kinder!
  • Im Text sind so schöne Sätze drin! Wie kleine Kristalle, man möcht sie ausschneiden:

„Ich trag heut nicht mein Gewicht. Ich nehm mir heut frei von mir.“

  • Ein großes Plus: Dass die Burg neue Texte wie diesen vorstellt. Das ist schon sehr toll. Wieviele Leute so die Möglichkeit haben, diesen Text zu sehen!

Das Besondere dieses Textes ist für mich die Welt, das Bild, das Miroslava Svolikova hier erfunden hat: Da sitzen Hockende in einer Mulde, die Wahrheit liegt unter ihnen und wächst in sie hinein. Währenddessen sitzen sie unbeweglich und schauen zu. Schnaps und Schlamm und ein Bus, der niemanden mitnimmt, nirgends hinfährt und trotzdem das Sehnsuchtsobjekt aller ist. Gewalt tun sie einander an, die Hockenden, und einer, der Prophet, der leistet Widerstand in der Kneipe. Der Prophet ist ein Säufer, des öffentlichen Urinierens beschuldigt.

  • Spannend ist auch, wie der Text graphisch gelöst ist. Ich schau immer wieder auf das Textbuch der Souffeuse. Da sind Rechtecke mit Text, die wie Bausteine auf der querformatigen Seite herumliegen.
  • Laurenz Rupp möchte jetzt sein Schuhband binden, bzw das Schuhband seiner Puppe. Ist das inszeniert? Marcus Kiepe hat schon Text und es wird dramatisch, der tragische Höhepunkt der Geschichte formiert sich. Laurenz Rupp bittet nonverbal einen jungen Mann im Publikum, auf die Bühne zu kommen und das Schuhband zu binden. Der macht das natürlich nicht. Da bittet Rupp den bereits Text sprechenden Kiepe um Hilfe. Kiepe kniet sich hin und bindet das Schuhband. Für mich ist die ganze Schwere, die Tragik der Szene dahin.
  • Miroslava Svolikova, das Ende ist so schön! Man weiß nicht, was wirklich passiert, passiert ist oder passieren wird. Wie der Rauch, der angesprochen wird, steht auch eine nur halbtransparente Gaze vor den Erzählmomenten. ❤

„Vielleicht kann man aus der Asche was herauslesen. Wie aus einem Kaffeesud.“

  • Wie schön, dass Branko Samarovski die letzten Worte spricht. Auf seinem elektrischen Rollstuhl als verhinderte Kirtagsprinzessin. Jeder hier lebt in seiner eigenen Realität und ist doch in einem Raum auf einem Stuhl gefangen.
Den Text des Stückes werde ich mir nachträglich noch besorgen. Ich möchte ihn bei mir haben, wie ein gutes Buch, das man gern immer wieder aufschlägt. Das nächste Stück von Miroslava Svolikova hat am 13. Jänner am Schauspielhaus Wien Premiere. Sehen Sie sich das an!

die hockenden

von Miroslava Svolikova
mit Tino Hillebrand, Marcus Kiepe, Laurence Rupp und Branko Samarovski
Regie: Alia Luque
Bühne: Christoph Rufer
Kostüme: Ellen Hofmann
Licht: Ivan Manojlovic
Dramaturgie: Hans Mrak

Foto: (c) Georg Soulek, Burgtheater.
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