Lustig ist der Alkoholismus nur an der Oberfläche – “mutterseele. dieses leben wollt ich nicht.” von Thomas Perle im Werk X

Am Werk-X-Eldorado ist Uraufführung. Lilly Prohaska gelingt das berührende Portrait einer alkoholkranken Mutter, die ihr Kind nie wollte. Von Mutterschaft und Alkoholismus, dessen Vererbbarkeit und dem Frausein erzählt Thomas Perles neues Text „mutterseele. dieses leben wollt ich nicht“.

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weitere Vorstellungen: März 7 I 9 I 13 I 14 I 15 (je 20.00)

Auf drei Ebenen erzählt Lina Hölscher im Eldorado des Werk X aus zwei Frauenleben. Während auf zwei teppichbelegten Ebenen junge Paare zu sehen sind, bildet RITA, die Mutter, gepaart mit einer Wand, die im Lauf des Stückes immer gelber wird, die einsame Spitze. Ein Stammbaum, eine Nachfolge. Die Männerfiguren reine bystander, das freut mich, weil es erfrischend ist, einmal im Theater keine Männergeschichte zu hören. Schöner Kommentar auf unsere androzentrische Theatergeschichte: zurückhaltend gespielte/inszenierte/geschriebene Männerfiguren. Den Schlussfokus heimst eine Farbe ein: Gelb.

Gelb: „Schirch wie die Leberzirrhose.“ (Thomas Perle)

Der Text von Thomas Perle ist lustig, zumindest am Beginn der kurzen Familiengeschichte lacht das Publikum immer wieder in leiser Erlösung. Es ist nämlich gleichzeitig auch traurig, die alkoholkranke Mutter kotzen zu sehen. saufen, kotzen, sterben – diese Handlungen werden nicht naturalistisch gezeigt, sondern theatral angedeutet. Schön sind die kleinen Bewegungen, in denen sich die junge rita und die gealterte RITA (in zwei Versionen derselben Figur) begegnen. Die Inszenierung der Schlussszene kann die emotionale Höhe anderer Szenen nicht erreichen. Der finale Dialog zwischen marie und ihrem Freund ist im besten Fall distanziert, im schlechtesten Fall lustig. Während dem Publikum vereinzelte Lacher auskommen, sehne ich mich nach der Reinheit dieses tragischen Moments.

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Neben einer hässlichen Gewalt-Ehe-Szene, die auf ästhetischem Silvesterglitzer&Blumen-Boden ausgetragen wird, beeindruckt mich besonders Lilly Prohaskas Darstellung der Mutter. Mit ihrem uneitlen Spiel füllt sie den großen Raum, der ihr von Text und Inszenierung eingeräumt wird, hervorragend aus. Der leichte Wiener Akzent, in dem sie ihre Figur anlegt, wirkt angenehm authentisch. Ich habe kein Mitleid, dahin bringt mich die Inszenierung nicht, aber ich erkenne an Prohaska die volle Tragik des Alkoholismus. Ich habe das Gefühl, ich sehe, was RITA für ein klasser Mensch hätte sein können, wenn da nicht der Suff einen Strich durch die Lebensrechnung gemacht hätte.

„hör auf zu weinen. ich in meinem leben schon für zwei geweint.“ Mutter zur Tochter

Als ich den Text vor ein paar Wochen gelesen habe, stand für mich das Thema Alkoholismus im Vordergrund. In der Inszenierung jetzt drängt sich mir die Frage auf: Wie verhält sich Mutterschaft zum Frausein? RITA wird ungewollt schwanger, befindet sich in einer Gewaltbeziehung und erlebt sich permanent als ’schlechte Mutter‘. RITAs Mantel ist in Komplementärfarbe zur immer gelber werdenden Wand gehalten und zeigt so, dass man RITA auf keinen Fall mit ihrer Krankheit identifizieren darf, sondern vielmehr der Alkoholismus etwas ist, das ihr passiert.

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Leider vertraut Hölschers Inszenierung den realistischen Szenen nicht und entscheidet sich für distanzierte Darstellung der jungen Paare. Besonders Marie (Lisa Weidenmüller) wirkt deutlich distanziert von ihrer Figur. Das finde ich schade. Die Schlussszene, das tragische Finale, auf das alles hinausläuft, kann leider meine Leseerfahrung nicht wiederholen. Beim Lesen des Textes ist mir am Ende alles eng ums Herz geworden. Das hätte ich gern auch hier auf der Bühne gesehen.

Fazit: Lilly Prohaska als Mutter nimmt den Fokus, den ihr Text und Inszenierung geben uneitel an und verwandelt die Konzentration in reine Publikumserfahrung. Hier liegen Theatermomente, von denen ich gerne mehr gesehen hätte. Perle’s Text merkt man das einfühlsame/ehrliche und detaillierte Studium seines Thema an. Ein berührendes Biopic über Mutterschaft, das Frausein und die Einsamkeit des Alkoholismus. Er ist ein Hund, der Alkohol.

„mutterseele. dieses leben wollt ich nicht.“

Uraufführung I entstanden im Rahmen des interkulturellen Autorentheaterprojekts WIENER WORTSTAETTEN I eine Produktion von perlen vor die säue. in Kooperation mit WERK X
von Thomas Perle
Regie: Lina Hölscher
Mit: Claudia Carus, Lilly Prohaska, Lisa Weidenmüller, Nikolaji Janocha, Florian Stohr
Bühne & Kostüm: Julia Grevenkamp, Santo Krappmann
Licht: Martin Kaspar

Szenebilder: (c) Edi Haberl.
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